Ohne Geld und doch in Fülle leben

Heidemarie Schwermer vor dem Filmplakat

Bild: isabel hoeglinger

Ich lebe in Fülle und vertraue auf den Himmel

Heidemarie Schwermer ist 70 Jahre alt und lebt seit 16 Jahren ohne Geld. Warum sie nicht obdachlos ist und wie ihr Leben funktioniert, erzählte sie bei einer Veranstaltung in Steyr.

Schwermers Familie stammt aus Ostpreußen. Auf der Flucht in den Westen wurden die Eltern und Kinder wegen ihrer Armut als „Lumpenpack“ beschimpft. Als sie später in Norddeutschland zu Wohlstand kam, wurde sie als „die Neureichen“ tituliert. Diese Erfahrung prägte Heidemarie Schwermer so nachhaltig, dass sie sich schon in jungen Jahren dafür einsetzte, dass die Menschen nicht nach ihrer Leistung und ihrer materiellen Ausstattung beurteilt werden, sondern alle als gleichwertig angesehen werden.
In ihrem ersten Beruf war sie als Lehrerin, später wurde sie Psychotherapeutin. Unzufrieden und unglücklich mit dem bestehenden Wertesystem gründete sie 1994 den Verein „Gib und Nimm“, der nach dem Prinzip eines Tauschrings funktioniert. Zwei Jahre darauf verschenkte sie ihren Besitz. Seither lebt sie ohne Geld. Schwermer wohnt abwechselnd bei Freunden, die sie eingeladen haben. Sie bekommt Essen und Kleidung geschenkt oder tauscht gegen kleine Dienstleistungen. Ihr gesamter Besitz befindet sich in einem Koffer, mit dem sie zu Vorträgen oder Seminaren fährt. Die 70-Jährige geht nicht zum Arzt, hat ihn auch bis jetzt nicht gebraucht. Sie verschenkt ihre Pension und verdient auch nichts mit ihren Büchern. Sie ist geschieden und hat zwei erwachsene Kinder und drei Enkelkinder.

Interview mit Heidemarie Schwermer

Von was haben Sie sich vor 16 Jahren als erstes getrennt?

Ich habe bereits vor 26 Jahren alle meine Bücher abgegeben. Damals ist mir schon einiges an meinem Besitz zuviel geworden. Mit jedem Umzug habe ich mich von mehr getrennt. Als ich 1996 die ersten Häuser gehütet habe, merkte ich, dass ich meine eigene Wohnung gar nicht mehr brauche. Von einem auf den anderen Tag habe ich dann die Wohnung aufgelöst. Das faszinierende war, dass ich alle Möbel auf wunderbare Weise losgeworden bin, für jedes Stück fand sich jemand, der sich darüber gefreut hat. Das war so ein Beispiel dafür, wie leicht etwas gehen kann, wenn der Weg stimmt. Ich habe von damals an immer mehr darauf vertraut, dass alles gut sein wird.

Wie fühlen Sie sich jetzt im Rückblick zu damals?

Ich fühle mich sehr frei, ungezwungen, sorgenfrei und angstfrei. Ich lebe in Fülle und der Himmel gibt mir alles, was ich brauche. Was ich in den letzten Jahren gemacht habe, war gut so, doch nun bin ich ein wenig müde, immer nur über mich und mein Leben zu sprechen. Ich möchte etwas für andere tun. Mir schwebt ein Projekt vor, in dem ich anderen Menschen vermitteln kann, dass sie genauso eine Würde haben, wie jeder andere. Ich möchte Menschen, die glauben, sie seien nichts wert, weil sie kein Geld haben oder keine Arbeit, Selbstvertrauen vermitteln. Denn ich bin das beste Beispiel dafür, dass man auch ohne Geld ein würdevolles Leben führen kann.

Von was ist Ihnen die Trennung am schwersten gefallen?
Im Grunde kann man das nicht so beantworten, denn ich habe ja mit gutem Grund alles abgegeben. Natürlich ist es so, dass man im Laufe der Jahre nur noch die allerwichtigsten Dinge behält. Aber wie so oft, hat sich alles wunderbar geregelt: Meine Erbschmuckstücke habe ich meiner Tochter gegeben. Ebenso einen Kleiderschrank, den ich bis vor einigen Jahren bei einer Freundin untergestellt hatte. Auch den hat meine Tochter gerne genommen. Meine vielen Bücher und Schallplatten waren mir sehr wichtig, aber ich brauche sie nicht, weil ich in den Häusern und Wohnungen, in denen ich wohne, ganz oft auf genau die Musik und Bücher stoße, die ich liebe.

Was bedeutet „zu Hause“ für Sie?

Meine Familie ist aus Ostpreußen geflohen und wir sind damals in Norddeutschland gelandet. Dort bin ich aufgewachsen. Später habe ich viele Jahre im Ruhrgebiet in Dortmund gelebt. Wenn ich dort bin, ist das aber keine Rückkehr in die Heimat für mich. In Dortmund gibt es das Haus von Freunden, das ich immer wieder hüte. Ich bin dann Katzen-Sitterin von „Miss Marple“. Dort ist so eine Art Ruhepol, wo ich mich zwischen den Reisen wirklich ausruhen kann.
Ich mag gerne Städte wie Florenz oder Berlin, aber eigentlich bin ich von Orten innerlich unabhängig. Ich fühle mich da wohl, wo ich frei bin, wo ich mit anderen Menschen gut zusammen sein kann. Mein etwas skurril anmutendes Ziel ist: „Auf jedem Misthaufen meditieren können“. Soweit bin ich noch nicht, aber ich möchte es schaffen,  innerlich unabhängig von äußerlichen Faktoren zu werden.

Was hat die materiellen Dinge in Ihrem Leben ersetzt?

Zeit! Je weniger Ballast mein Leben belastet hat, desto mehr Zeit habe ich gewonnen. Wieviele Menschen tätigen Frustkäufe und beschäftigen sich damit, welche Anschaffungen sie glücklich machen könnten? Wieviel davon ist wirklich nötig? Das beschäftigt mich nicht mehr, ich kann meine Zeit ganz intensiv nützen.

Wo finden Sie Halt in Ihrem Leben?

In der Spiritualität. Das ist für mich eine Verbindung von Gott und Natur. Es gibt eine geistige Welt, die wir nicht fassen können. Das irdische Leben wird für mich immer unwichtiger. Ich bewege mich auf einer höheren Ebene, in der alles im Lebensfluss ist. Ich glaube, dass wir alle aus einer göttlichen Quelle kommen, egal, ob rote, schwarze, gelbe oder weiße Hautfarbe. Ich bin nicht konkret konfessionell, glaube aber, dass uns die Religionen Dinge wie Nächstenliebe und das Streben nach dem Guten vermitteln. Wichtig ist, dass jeder einmal in sein Inneres schauen soll, welche „Schatten“ sich da auftun. Was belastet unsere Seele, was hindert uns daran, glücklich zu sein? Diese Schatten sollten wir hinauf holen und auflösen, erst dann können wir uns selbst und unseren Mitmenschen mit Wertschätzung begegnen.
Ich verteile bei meinen Vorträgen immer runde Pickerl, auf denen farbige Kreise abgebildet sind und das Motto „Gib und nimm“. Diese farbigen Kreise stellen die vier Säulen dar, die unsere Lebensbewegung ausmachen:
1. Vom ich zum ich.
2. Vom ich zum du.
3. Vom ich zum wir.
4. Vom ich zum Ganzen.
Das heißt: Erst wenn wir uns selbst erkennen und wertschätzen, können wir auch auf die Mitmenschen zugehen. Erst wenn dieses menschliche Miteinander klappt, können wir die Gesellschaft verändern. Als ersten Schritt dazu kann man mit dem Pickerl seiner Umgebung signalisieren: ich bin offen, ich bin bereit, etwas abzugeben. Was genau man teilen will, sei jedem selbst überlassen. Das ganze soll ja mit fröhlichem Herzen passieren und nicht aus einer Verpflichtung heraus.

Mehr Infos: www.heidemarieschwermer.com

Buch: WunderWelt ohne Geld – Erzählungen aus einem Leben, Heidemarie Schwermer

Film: Living without money

Lies einen weiteren Grünschnabel-Artikel über andere, die ohne Geld leben.

 

 

 



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