Leben mit Glücksgarantie

Lachender Bub

Glückliche Kinder in Bhutan, Bild: Distinctive Images - Fotolia.com

Im südasiatischen Bhutan ist das Glück der Bürger Staatsangelegenheit

In Bhutan gibt es Armut, Kriminalität und Drogen, aber trotzdem sind die Menschen dort glücklicher als anderswo. Und wenn sie es nicht sind, können sie sich zumindest darauf verlassen, dass ihre Regierung dafür sorgt, dass die Bedingungen für ihr Glück verbessert werden. Das steht sogar in der Verfassung. Statt eines Bruttosozialproduktes steht in Bhutan das „Bruttonationalglück“ an erster Stelle allen staatlichen Handelns.

Diesen Begriff prägte der damals regierende bhutanische König Jigme Singye Wangchuk Anfang der 1970er-Jahre.

König schlägt eigenen Weg vor
Er erklärte, sein Land solle eine andere Entwicklung einschlagen, als nur dem kapitalistischen Wachstumsmodell der Industrienationen zu folgen. Bhutans Entwicklung solle nicht auf Kosten seiner Menschen gehen, sie nicht aus ihrer traditionellen Lebensweise reißen und in Lohnabhängigkeiten stürzen. Das Bruttosozialglück und nicht nur das Bruttosozialprodukt solle zum Indikator für Erfolg oder Misserfolg der Entwicklung werden.

Viele Fragen – viel Glück
Doch es sollte bis 2008 dauern, bis der königliche Nachfolger das Projekt auf Schiene bringen konnte. Anlässlich der ersten demokratischen Wahl des Landes beauftragte der König das Zentrum für Bhutanstudien mit einer umfassenden Volksbefragung. Die Bürger beantworteten eine Menge Fragen, beispielsweise, ob sie genug zu essen haben, ihren Nachbarn trauen oder wie oft sie meditieren. Heraus kam, dass die Menschen trotz Armut und oft harten Lebensbedingungen relativ glücklich sind.

Das Streben nach Toleranz und Nächstenliebe ist Teil der buddhistischen Tradition. Davon geprägt beschloss die Regierung, ihre Gesetze und ihr Handeln den Prinzipien des Bruttosozialglücks zu unterwerfen. Gemeint ist: Jeder Mensch in Bhutan soll so glücklich wie möglich leben können; die Regierung soll das ermöglichen und die Rahmenbedingungen dafür schaffen: Dazu gehört neben einer „guten Regierungsführung“ ein nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftswachstum, der Erhalt der bhutanischen Kultur und Umweltschutz.

Offiziell tragen neun Bereiche zum Bruttosozialglück bei:

Ökologie, Kultur, gute Regierungsführung, Bildung, Gesundheit, Lebendigkeit der Gemeinschaften, Zeitnutzung, psychisches Wohlergehen und der Lebensstandard.

In die Praxis umgesetzt wird das Konzept von der „Kommission für Bruttoinlandsglück“ unter dem Vorsitz des Premierministers. Alle politischen Vorschläge und Gesetzesentwürfe werden bewertet. Stimmt eine Maßnahme offensichtlich nicht mit dem Ziel der Förderung des Bruttoinlandsglücks überein, wird sie zur erneuten Überarbeitung an das Ministerium zurückgesandt. Ohne die Zustimmung der Kommission kann sie nicht umgesetzt werden.

Wissen und Erleuchtung
„Viele Inhalte des Konzeptes wurzeln seit jeher im kulturellen Erbe der Bhutaner. Dort ist “Entwicklung” gleichbedeutend mit zunehmendem Wissen und persönlicher Erleuchtung. Dieser Weg ist unabdingbar, um die drei Grundübel Unwissenheit, Hass und Habgier zu überwinden. Vor diesem Hintergrund soll der Begriff des Bruttosozialglücks ausdrücken, dass “Entwicklung” mehr Dimensionen aufweist als nur die eines gesteigerten Bruttosozialprodukts, dass es einer Balance zwischen Materialismus und Spiritualität bedarf“, so der Bhutanexperte Thomas Caspari.

Gebäude in Berg gebaut

Taktshang Goemba in Bhutan (Bild: nyiragongo - Fotolia.com)

Sprache, Kleidung und kein Plastik
Im Alltag der Bhutaner sind die Auswirkungen der staatlichen Fürsorge zu spüren: Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sind für alle kostenlos. 60% der Landesfläche sind bewaldet und 42% stehen unter Naturschutz. Für jeden gefällten Baum müssen zwei neue gepflanzt werden. Der ursprünglich verordnete traditionelle bhutanischen Baustil geht leider verloren, da Erdbeben gezeigt haben, dass die Häuser nicht sicher genug gebaut wurden.

Alte Sprache erhalten
Alle Bürger müssen die Landessprache Dzongkha lernen und sprechen, Unterrichtssprache ist allerdings Englisch. Bei der Arbeit und bei offiziellen Anlässen müssen alle die traditionelle bhutanische Kleidung tragen. Rauchen, Plastiktragetaschen und Werbung sind verboten.

Der wirtschaftliche Aufschwung Bhutans gehört zu den weltweit schnellsten. Ob es gelingt, dabei behutsam vorzugehen, ist fraglich. Abschreckende Beispiele der Nachbarländer warnen: Wohlstand für alle, ja, aber ein Aufweichen der eigenen Kultur durch McDonald´s & Co., nein!

Kleine, aber feine Touristengruppen
Straßen und eine eigene Währung gibt es in Bhutan erst seit den 60er Jahren. Fernsehen und Internet gehören noch nicht sehr lange zu den alltäglichen Medien. Mobiltelefonie wurde erst 2004 erlaubt. Bis heute widersteht das zwischen Indien und China gelegene wunderschöne südasiatische Land den wirtschaftlichen Verlockungen des Massentourismus und setzt lieber auf kleine Reisegruppen mit gutem Budget. Jeder Tourist zahlt derzeit 250 US-Dollar pro Tag. 70 Dollar davon, die so genannte Royalty, gehen in Gesundheits- und Bildungswesen. Um die Infrastruktur zu verbessern, wurde in der Hauptstadt Thimphu mit österreichischer Unterstützung eine Tourismusschule errichtet.

Gebetsfahnen im Wind

Gebetsfahnen in Bhutan (Bild: Thomas Mertens - Fotolia.com)

Was am Ende bleibt
Bruttosozialglück – ein faszinierender Ansatz für eine neue gute Welt. Selbst die UNO hat sich inzwischen damit befasst und das Konzept für eigene Zwecke weiterentwickelt. Es fällt uns westlich-wirtschaftlich-denkenden Menschen schwer, sich vorzustellen, wie das Leben wohl bei uns mit einem Bruttosozialglücks-Barometer aussehen würde. Außerdem ist der Begriff in seiner Ganzheit nur im buddhistisch-theologischen Zusammenhang zu verstehen.

Es gibt auch genügend Kritiker an Bhutans Regierung, die zu Recht darauf hinweisen, dass das Glück nur fünf Sechstel der Bevölkerung zuteil werden soll. In den 90er-Jahren wurden nämlich rund 100.000 Bürger mit nepalesischen Wurzeln aus Bhutan rausgeworfen. Sie leben seitdem in Flüchtlingsquartieren in Nepal.

Andere Kritiker warnen davor, dass Bhutan mit seiner relativ unproduktiven Landwirtschaft bald die wachsende Bevölkerung nicht mehr ernähren kann. Ebenfalls bemängelt wird Korruption sowie Benachteiligung von Frauen.

Bhutan ist ein Staat mit langer Geschichte und viel Tradition. Es geht ganz bewusst einen behutsamen Weg in die Moderne. Der im Westen ausgebildete junge König ist seit 2006 an der Macht und führt sein Land stetig zu mehr Demokratie und Transparenz.

Info
Bhutan liegt in Südasien zwischen Indien und China. Das Land hat mit 38.394 km² etwa die Größe der Schweiz. Die meisten Berge des im Land befindlichen Himalaya-Gebirges dürfen nicht betreten werden. Hauptstadt Thimphu. Konstitutionelle Monarchie. Rund 700.000 Einwohner. Hauptreligion Buddhismus. 60% der Landesfläche sind bewaldet. 23% der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, aber es gibt keine Hungersnöte.

Bericht über Bhutans Bruttosozialglück im WDR

Arte- Dokumentation

In einer wissenschaftlichen Studie wurde unterstucht, ob das Bruttonationalglück eine Wirtschafts- und Sozialordnung ist, in der sich ein menschenwürdiges und wirtschaftlich erfolgreiches Leben entwickeln kann. Diese Frage wird differenziert beantwortet (Rechtssystem: eingeschränkt; politisches System: uneingeschränkt; Wirtschaftssystem: uneingeschränkt bei Vermeidung negativer externer Effekte und Sicherstellung von Nachhaltigkeit).  



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