Im Norden geht die Sonne auf

Die Distanz der Kinder zur Natur nimmt zu - dabei trägt sie einen wichtigen Teil zur Entwicklung der Kinder bei. Foto: Fotolia/ imhof79ch

Die Distanz der Kinder zur Natur nimmt zu – dabei trägt sie einen wichtigen Teil zur Entwicklung der Kinder bei. Foto: Fotolia/ imhof79ch

Die Distanz zur Natur wird immer größer, warnen Experten. Kinder haben immer weniger Gelegenheit, in der freien Natur zu spielen. Gleichzeitig nimmt auch das Wissen über Natur ab. In der Forschung spricht man vom Naturentfremdung oder „Nature Deficit Disorder“.

Viele Kinder finden sich zwar ohne Probleme auf Smartphones, Spielkonsolen oder im Internet zurecht und kennen alle Figuren aus gängigen Zeichentrickserien. Sie können aber eine Amsel nicht von einem Spatzen unterscheiden oder ein Schneeglöckchen von einem Märzenbecher. Sie haben Probleme mit der Frage, in welcher Himmelsrichtung die Sonne aufgeht oder welche Beeren im Wald wachsen. Während ihre Eltern noch im Wald „Räuber und Gendarm“ spielten und Bäche aufgestaut haben, ist dies für viele Kinder – vor allem im urbanen Raum – nicht mehr Teil ihres Alltags.

Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum gibt es in den USA und England ein verstärktes Bewusstsein für die zunehmende Entfremdung der Menschen von der Natur. „Nature Deficit Disorder“ bezeichnet das Phänomen einer zunehmenden Entfremdung von der Natur. Dazu gehört auch, dass bei Kindern und Jugendlichen das Wissen über natürliche Abläufe, wie auch Tier- und Pflanzenarten kontinuierlich abnimmt.

„Die Distanz zur Natur wird immer größer“, bringt es Rainer Brämer von der Universität Marburg, Initiator des „Jugendreports Natur“ auf den Punkt. Er untersucht seit 20 Jahren das Verhältnis der Jugend zur Natur in Deutschland und stellt fest, dass immer mehr grundlegendes Wissen verloren geht. Ein Fünftel der Befragten antworteten 2016 auf die Frage, wo die Sonne aufgeht mit „Norden“.

Aber auch hierzulande sieht es nicht viel besser aus, wobei es Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt. Ulrike Pröbstl-Haider von der Universität für Bodenkultur Wien befragte 381 acht- bis zehnjährige Kinder zum Thema Wald, Bäume und Jagd. Das Resultat: „Die befragten Kinder aus ländlichen Räumen hatten durchwegs bessere Kenntnisse zu Bäumen als die Stadtkinder. Eine Entfremdung konnte bei den Stadtkindern auch bei anderen Fragen beobachtet werden: Für 25,9 Prozent der Landkinder liefert der Wald auch Nahrung, davon waren nur 6,1 Prozent der Stadtkinder überzeugt.“

Eher in der virtuellen als in der natürlichen Welt zu Hause
Weiter verschärft wird das Phänomen der Naturentfremdung durch die Tatsache, dass immer mehr Menschen in urbanen Gegenden leben, schon jetzt sind es weltweit 75 Prozent – Tendenz steigend. Kinder in der Stadt leben meist räumlich weiter von Natur entfernt als Landkinder. Im Großstadtdschungel ergibt sich naturgemäß weniger die Möglichkeit in Ruhe Tiere zu beobachten und Pflanzen zu studieren.

Erliegt die Jugend auch deshalb immer mehr den Verlockungen der virtuellen Welt? Jugendliche verbringen heute bis zu drei Stunden am Tag vor Bildschirmen. „Online-Spiele bieten eine unendliche Fülle an Herausforderungen und Bewährungsmöglichkeiten in einem ähnlich wie früher in der Natur weitgehend unkontrollierten Raum. Die Natur hält mit der hohen Reizdichte dieser Spiele nicht mit und erscheint langweilig“, analysiert Brämer von der Uni Marburg.

Die Naturentfremdung zieht jedoch gravierende Folgen für die Entwicklung und Gesundheit unserer Kinder nach sich: Denn von unserer urgeschichtlichen Veranlagung her sind wir nach wie vor an ein Leben im Wald angepasst. Evolution geht sehr langsam vonstatten. Selbst unsere Sinne und körperliche Veranlagungen sind auf die Reize im Wald kalibriert: Auf Vogelgezwitscher, das Säuseln des Windes in den Ästen, die Fortbewegung auf unebenem Untergrund, die Klettern, Hüpfen und Balancieren nötig macht, darauf, dass wir weite Strecken zu Fuß zurücklegen beim Jagen und Sammeln.

Wer seine Freizeit jedoch fast ausschließlich in virtuellen Räumen verbringt, gefährdet seine Gesundheit. Zahlreiche Studien belegen, dass der Aufenthalt im Grünen Blutdruck und Puls sinken lässt, ebenso den Cortisolgehalt im Blut – Entspannung und Ruhe stellt sich ein. In Japan spricht man von „forest bathing“, wenn von einem Aufenthalt zur Entspannung im Wald die Rede ist.

Gerade auch bei Kindern wirken positive Naturerlebnisse lange nach. „Der Kontakt zur Natur muss hergestellt werden, damit Kinder dort Erfahrungen machen können“, sagt Pröbstl-Haider von der Boku in Wien. Auch „Jugendreport Natur“-Autorin Brämer plädiert für einen lebensnahen Naturunterricht in Schulen, Jugendwaldheimen und Bauernhöfen und generell für mehr Aufenthalte im Wald – unbeaufsichtigt und mit Gleichaltrigen.

Maria Zamut



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