Burnout im Kinderzimmer

Depression und Burnout macht auch vor dem Kinderzimmer nicht Halt. Foto: Fotolia/photophonie

Depression und Burnout macht auch vor dem Kinderzimmer nicht Halt. Foto: Fotolia/photophonie

Es sind Sätze wie „Ich kann nicht mehr!“, „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll!“ oder „Ich bin so erschöpft, mein Leben ist komplett sinnlos“, die den Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort immer genauer hinsehen ließen, bis er zu dem Schluss kam, dass die Diagnose Burnout oder Erschöpfungsdepression auch im Kinder- und Jugendalter gestellt werden muss. Burnout ist im Kinderzimmer angekommen.  Wie erkennt man ein Burnout bei Kindern und Jugendlichen? Kernsymptom ist eine ausgeprägte und anhaltende Erschöpfung. Damit einher geht eine verminderte Leistungsfähigkeit, die sich in den Schulnoten zeigen kann. Oft drückt auch der Körper die psychische Überlastung aus: mit Schmerzen (Bauch-, Kopf- oder Rückenschmerzen sind typisch) oder Verspannungen (z.B. Zähneknirschen). Dauern Stress und Erschöpfung lange genug an, entsteht eine Erschöpfungsdepression, die gekennzeichnet ist durch - gedrückte Stimmung, Pessimismus, Traurigkeit - Antriebslosigkeit, Interessenverlust - Konzentrationsschwierigkeiten - vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle - Schlafstörungen, verminderter Appetit - Psychosomatische Beschwerden - Selbstmordgedanken, Selbstverletzungen - bei jüngeren Kindern auch unspezifische Angst oder Trennungsangst Erschöpfung und Überforderung sind individuell und subjektiv. Ausschlaggebend für das Stressempfinden ist, ob man sich einer Anforderung gewachsen fühlt. Je weiter Arbeits-oder Lernpensum und Leistungsmöglichkeiten (aus welchen Gründen auch immer) auseinanderklaffen, desto wahrscheinlicher werden Gefühle der Erschöpfung. Wiederholen sich Überforderungen über einen längeren Zeitraum, gibt es keine Erholungsmöglichkeiten und wird auch der Schlaf immer schlechter, steckt man schon in einem Teufelskreis aus Erschöpfung und Depression. Wieso gibt es Burnout schon bei Kindern? Die Ursachen für ein Burnout sind vielfältig und komplex. Betrachtet man den familiären Kontext, können sogar Einflüsse aus früheren Generationen wie die Traumatisierung der (Ur-)Großelterngeneration eine Rolle spielen. Die aktuelle Familiensituation ist immer mehr von Spannungen geprägt: ökonomischer Druck, Zeitdruck, Zerrissenheit zwischen Job und Familie, Beziehungskonflikte bis hin zur Trennung usw. Eltern strengen sich an, allen Aufgaben gerecht zu werden. Schon die Kinder leben also in einem Umfeld der Anstrengung und bemühen sich selbst, alle Anforderungen, auch die unausgesprochenen, zu erfüllen. Der gesellschaftliche Kontext vermittelt eine zersplitterte Welt. Hier der Frieden in unserer Welt, in der Kinder sicher leben und gefördert werden, dort Krieg, Hass, Zerstörung und Menschen auf der Flucht. Diese Kluft auszuhalten, ist für Erwachsene schwer – für Kinder noch viel mehr. In der kindlichen Lebenswelt spielt außerdem die Schule eine Rolle bei der Entstehung von Burnout. Die Noten müssen stimmen. Oft schon in der Grundschule für den Übertritt in eine höhere Schule. Der Druck steigt in der höheren Schule meistens an. In Deutschland fühlen sich AbiturientInnen mit einem Notenschnitt schlechter als 1,5 schon im Abseits. Dann kommt noch die durchgetaktete Freizeitgestaltung, eventuell Nachhilfe, die ständige Präsenz in den digitalen Medien dazu - das Hamsterrad dreht sich. Das Prinzip Leistung, so Michael Schulte-Markwort, fordert seinen Tribut – nun auch bei den Kindern. Was kann man tun? Als Eltern können wir unsere eigene Situation kritisch betrachten. Wie viel Anstrengung leben wir vor? Welche Werte vermitteln wir? Wie und mit welcher Haltung begegnen wir unseren Kindern? Wie können wir sie fördern ohne sie zu überfordern? Wo ist weniger vielleicht mehr? Wie wird Gemeinsamkeit gelebt? Wo gibt es Raum und Zeit für Entspannung? Eltern sind ExpertInnen für ihre Kinder. Wenn sie Veränderungen wahrnehmen, die beunruhigen, z.B. wiederkehrende Beschwerden, Ängste, Lernprobleme, verbunden mit Erschöpfungsmerkmalen, sollten sie den Gang zu einem/r Kinder- und Jugendpsychiater/in nicht scheuen. Die Behandlung ist so individuell wie die Symptomatik. Vielleicht braucht es eine Zeitlang Medikamente, um den Teufelskreis von Erschöpfung und Depression – gerade in Bezug auf die Schlaflosigkeit – zu durchbrechen. Gleichzeitig sollte eine psychotherapeutische oder vergleichbare Behandlung unterstützen, die inneren Muster, die zur Erschöpfung geführt haben, zu verändern. Wer sich genauer informieren möchte, dem sei das Buch „Burnout Kids“ von Michael Schulte-Markwort empfohlen.

Eva Grossmann



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