Trennungsschmerz: Die tägliche Übergabe im Kindergarten

Wenn ein Kind in den Kindergarten kommt, ist dies die erste Trennung von den Eltern, die es erlebt. Bild: sillilein74 - pixelio.de

Mit dem Kindergarten bricht eine völlig neue Zeit für Eltern und Kinder herein. Wo vorher ständig die engsten Bezugspersonen vor Ort waren, müssen Kinder – und auch Eltern – nun lernen, sich zu lösen. Warum diese Zeit besonders wichtig ist und wie Eltern dabei helfen können, dem Kind dafür die nötige Sicherheit zu geben.

Der erste Abschied am Eingang des Kindergartens kann bisweilen dramatisch verlaufen. Die Eltern haben Bedenken, ob der Kindergarten der richtige ist, es für das Kind nicht noch zu früh ist und ob ihm in dieser fremden Umgebung überhaupt gegeben werden kann, was es braucht. Dem Kind geht es nicht besser. Es muss weg von den vertrauten Bezugspersonen, es spürt die Unsicherheit der Eltern und es kennt: niemanden.

So kann es laufen; muss aber nicht. Denn eigentlich ist der Eintritt in den Kindergarten für das Kind eine aufregende Zeit. Hier warten viele andere Gleichaltrige darauf, einander kennen zu lernen, Freundschaften zu schließen und die Vielfalt an Spielmöglichkeiten, die daraus entsteht, ist enorm. Wer im Endeffekt entscheidet, ob die Trennung im Kindergarten positiv oder traumatisch verläuft, sind die Eltern selbst – und das Sicherheitsempfinden, das sie ihrem Kind über die ersten Jahre mitgegeben haben.

Der Übergang in den Kindergarten ist der Eintritt in die öffentliche soziale Lernwelt. Klar ist dabei: Jede Veränderung verunsichert. Kinder müssen jedoch lernen, mit Veränderungen umzugehen. Nur so werden sie resilient für eine Welt, die der ständigen Veränderung unterworfen ist. Veränderungs-fit werden die Kinder jedoch nicht in einer Hauruck-Aktion, bei der die Eltern sich abkapseln und das Kind ins kalte Wasser werfen. Eltern können ein Kind erst dann loslassen, wenn es angstfrei und selbstbewusst in die neue Welt gehen kann und sich dort so sicher fühlt, dass sich soziales, emotionales und geistiges Lernen entwickeln kann.

 

Sichere vs. unsichere Bindungserfahrungen

Ein Kind mit sicherer Bindungserfahrung weiß, dass es seine Unsicherheit in unbekannten Situationen zeigen kann, und erwartet aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen, dass ein Erwachsener zuverlässig zur Verfügung steht und darauf eingeht und es ermutigt, wenn es unsicher ist. Solche Kinder erkunden neugierig die neue Alltagswelt und scheuen sich nicht davor, Erfahrungen zu machen und auch einmal etwas zu riskieren – denn sie haben gelernt, dass jemand da ist, der sie auffängt, wenn sie straucheln.

Schwierig ist die Trennung für Kinder mit unsicheren Bindungserfahrungen. Nach außen hin wirken sie oft autonom und wenig emotional. Dadurch ist für Erwachsene jedoch nicht ersichtlich, dass diese Kinder eigentlich gerade Unterstützung brauchen und Halt suchen. Den Stress, den die Trennung für sie verursacht, zeigen sie nicht in sichtbarem Verhalten. Auch wenn die Bezugsperson noch da ist, fällt es den Kindern sehr schwer, sich zu trennen. Sie erleben von der Bezugsperson wenig Ermutigung, sich der neuen Situation zu stellen und lassen sich von ihr wenig beruhigen.

In dieser Situation ist es für die Eltern besonders wichtig, dem Kind Sicherheit zu vermitteln. Wenn die Eltern sich unsicher sind, ob der Kindergarten der richtige sein wird, können sie dem Kind keinen sicheren Rückhalt geben. Damit wird das Kind unabsichtlich behindert und sein Integrationspotential geschmälert. Wenn das Kind die Verunsicherung der Eltern spürt, beschäftigt es sich zeitlich und emotional überdurchschnittlich mit seinen Bindungsbedürfnissen und seiner Trennungsangst und kann weniger Energie freistellen für die notwendige soziale Integration und die vielen neuen Erfahrungen.

 

Positive Erfahrungen für das Kind

Kein Elternteil will sein Kind in dieser Übergangszeit aktiv behindern. Deshalb ist es besonders anfangs wichtig, sich dieses Trennungsschmerzes bewusst zu sein, aber auch die neuen Möglichkeiten zu sehen. Das Kind möchte in diesem Alter an sich fast immer gerne mit anderen Kindern spielen. Gleichzeitig kehren sie nach einigen Stunden meist gerne wieder in ihre Familien zurück. Der Kindergarten ist damit ein ideales Umfeld. Die Aufgabe der Eltern ist, den Kindern in der ersten Zeit die Sicherheit zu geben, sich auf dieses neue Umfeld einzulassen. In den ersten Tagen brauchen die Kinder im Kindergarten die Anwesenheit der bisher vertrauten Bindungsperson und die Chance, in ihrem individuellen Tempo die neuen Erwachsenen, die fremden Kinder und die neue Umgebung kennen zu lernen. Dann steht dem Sprung in den neuen Lebensabschnitt nichts mehr im Weg!

 

Manuela Hoflehner



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