Wettkampf ohne Konkurrenz?

Foto: Fotolia/grafikwerk21

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Konkurrenz im Sport muss nicht ausschließen, sich mit Respekt und Achtsamkeit im sportlichen Wettkampf zu begegnen. Wolfgang Nell erzählt in seinem Papa-Blog von den Eindrücken bei einem Mehrkampf-Meeting und was seine Buben davon in ihr Leben mitnehmen können. "In 12 Jahren werde ich Zehnkämpfer sein und damit mein Geld verdienen", verspricht mein mittlerer Sohn, steht auf und holt sich noch eine Tasse Kakao aus dem kleinen Buffetraum der Jugendherberge. Neben uns hat auf den Tischen eine Gruppe junger Sängerinnen und Sänger aus dem Chiemgau Platz genommen. Aus dem alten Fachwerksbau dringt fröhliches Lachen. Wir werden von dem Kinderchor zu einem Musical eingeladen, das sie auf ihrer Wochenendtournee aufführen. Wir sind mit der Bahn nach Vorarlberg gereist, um in Götzis den Männer und Frauen beim Mehrkampf-Meeting die Daumen zu drücken. Die Männer werden sich in den beiden Tagen in zehn, die Frauen in sieben verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik messen. Auf der 100 Meter langen Hürdenbahn haben soeben die Läuferinnen die Startposition eingenommen. Im Stadion ist es mucksmäuschenstill. Ein Schuss und die Damen sausen mit Kraft und Eleganz über die Laufbahnen. Die Muskeln ihres Körpers werden bis aufs Äußerste dafür eingesetzt, den Körper so schnell wie möglich, unter den stürmischen Akklamationen der ZuseherInnen, über die Ziellinie zu bewegen. Jubelnd reißt die Siegerin ihre Hände in die Höhe. Persönliche Bestzeit! Was machen die anderen Läuferinnen? Sie umarmen sich. Sie gratulieren sich. Sie lachen. Jede einzelne freut sich über die eigene Leistung und die herausragende Leistung der Siegerin. Mein Sohn leidet mit, wenn die Stange beim Hochsprung fällt und reißt synchron mit den Athletinnen beim Überqueren der Höhe seine Hände in die Höhe. Er sieht muskelbepackte Sportler die Konkurrenten anfeuern und mit einer Umarmung beim Scheitern trösten. Neben den Höhen, Weiten und Bestzeiten sehen wir neben der Konzentration auf Leistung und Erfolg auch Gemeinschaft, Achtung und Respekt. Mein Sohn ist von der Mischung aus Leidenschaft, Präzision und Ausdauer fasziniert. Ja, Zehnkämpfer will er werden. Am meisten hat ihm aber imponiert, dass sich diese Männer und Frauen so oft umarmen und gegenseitig anfeuern, obwohl sie ständig ihre Leistungen im Wettkampf an den MitstreiterInnen messen. Die langen Schatten der Berge fallen auf das Inntal. Mein siebenjähriger Sohn ist bereits vor Innsbruck auf meiner Brust erschöpft eingeschlafen. Mit den gesammelten Eindrücken der Reise drängt sich eine scheinbar merkwürdige Frage auf, warum wir an diesem Wochenende so viel Wertschätzung unter den SportlerInnen wahrgenommen haben. Ich selbst habe mir vorgestellt, dass primär die Konkurrenz unter den Männern und Frauen im Mittelpunkt dieses Meetings stehen würde. Geht das überhaupt: Wettkämpfen ohne Konkurrenz? Nein, sicher nicht. Letztendlich hat Nafissatou Thiam (6804) als beste 7-Kämpferin und Damian Warner (8795) als bester 10-Kämpfer das Meeting in Götzis 2018 gewonnen. Bloß, ...wir haben keine Atmosphäre von Neid und Konkurrenz wahrgenommen. Liegt die Antwort möglicherweise im eigenen Wissen der Sportlerinnen und Sportler, wie viel Zeit an Training sie alle für ihren Beruf aufwenden müssen, um immer wieder einen Zentimeter höher springen und eine Sekunde schneller laufen zu können? Bedingt dieses Wissen nicht notwendigerweise eine Lebenshaltung aus Respekt und Achtsamkeit unter den KonkurrentInnen? Respekt. Achtsamkeit. Aufmerksamkeit. Unter diesen Grundhaltungen ist Konkurrenz im Sport/in der Politik/im sozialen Zusammenleben/in der Wirtschaft/unter den Religionen möglich. Sie sind das Fundament für die Gestaltung und Definition klarer Regeln/Spielregeln, unter denen wunderbare Wettkämpfe stattfinden können und es trotz einer Gewinnerin und eines Gewinners keine VerliererInnen gibt. Meinen Söhnen wünsche ich im Leben faire Wettkämpfe! Wolfgang Nell (45), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 4, 7 und 10 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.


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