Macht macht ohnmächtig

Foto: Fotolia/Anton Gvozdikov

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Über die Macht von politischen Führern und die gefährliche Eigendynamik, die sie annehmen kann, denkt Wolfgang Nell in seinem Papa-Blog nach und teilt seine Vision des stumm geschalteten Mikro mit uns.

Vor einigen Tagen hat mein älterer Sohn zum Ausdruck gebracht, dass ihn die tägliche Erwähnung des gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika in den Medien schon ziemlich auf den Nerv gehe: „Was leistet dieser Mann, außer dass er ständig schimpft, schreit, poltert, andere beleidigt und ständig irgendjemandem die Schuld gibt. Außerdem, …was will er eigentlich mit dieser Mauer erreichen?“

Ich werde mir in den nächsten Jahren viel Zeit nehmen, um meinen Söhnen zu erklären, dass es diesen Menschen um (die) Macht geht. Ich werde ihnen von dem Wesen der Macht erzählen, wie sie immer wieder und wieder das Schlechte, aber auch das Gute und Humane in uns Menschen zum Vorschein bringt.

Ich beginne mit der Erzählung einer Vision: Entschlossen sehe ich mich, wie ich heimlich den Regler für ein Mikrofon stumm stelle. Ich sehe auch, wie die Stimme eines wild gestikulierenden älteren Mannes, der entschlossen auf einem Podium stehend zu einer jubelnden Menge spricht, plötzlich nicht mehr über die Lautsprecher verstärkt wird. Es können ihn nur noch die vorderen Reihen hören. Nach einer kurzen Phase der Verwirrung versucht er immer lauter zu schreien, damit ihn die Menschen besser hören können. Aber sie sind schon so sehr von ihrem eigenen Freudentaumel vereinnahmt, dass sie ihm nicht mehr zuhören. Er beginnt immer lauter zu schreien und zu brüllen, um alle zu übertönen.

Mit vor Zorn rotem Gesicht poltert er in die Menge, dass sie doch endlich ihren Mund halten sollen, wenn ER spricht. Just in diesen Satz hinein öffne ich den Regler für das Mikrofon, doch die Menschen in der Menge jubeln weiter. Sie nehmen seine Beleidigungen nicht wahr. Sie nehmen es nicht wahr, dass er und nur er über ihnen stehen will, dass er eigentlich sagen und machen kann, was er will. Der ältere Mann am Mikrofon wird ruhig und genießt im Jubel der Menge die Einsamkeit der Macht.

Ich erzähle diese kleine Vision aus aktuellem Anlass des Gedenkjahres 1938. Ich spüre, dass sich vor meinen Kindern immer wieder Menschen in der Erwartung hinstellen werden, von ihnen bejubelt zu werden. Nach einer aktuellen Umfrage wünscht sich 43 Prozent der österreichischen Bevölkerung einen starken Mann (sic!) an der Macht.

Meine Kinder sollen sich aber eine Frage stellen können: Wer/Was gibt dir da ober/vorne das Recht, von ober/vorne auf uns herabzuschauen?

Ich will nicht, dass meine Kinder in der Menge sehnsüchtig einem starken Mann oder einer starken Frau zujubeln. Ich will, dass sie in der Schule, in der Familie, mit ihren Freunden und in ihrer eigenen Welt das demokratische Handwerkszeug lernen, im Aushandeln von Konflikten kreative Bedingungen für ein gutes Miteinander zu gestalten.

Darum werde ich ihnen mit der Geschichte der Macht und des Machtmissbrauchs auch immer wieder die Geschichten der Demokratie und der Mitmenschlichkeit erzählen.
…um mir weniger Sorgen zu machen.

Wolfgang Nell (45), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 4, 7 und 10 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.



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