Mehr als Buchstaben und Worte: Was gute Kinderbücher ausmacht – 2. Teil

Bilderbuch 4–7 Jahre

Sobald dein Kind laufen kann, holt es sich selbst genau das Bilderbuch, das du ihm vorlesen sollst.

Bücherregal für Kinder zugänglich

Bilderbuchregal, Bild: Veronika Mayer-Miedl

 Idealerweise sind die Bücher also jederzeit frei zugänglich in einem offenen Regal untergebracht. Wenn sie von Anfang an greifbar sind, wächst die Bedeutung von Büchern für dein Kind selbstverständlich mit ihm mit. Die Vorlesesituation bedeutet dabei exklusive Zuwendung – Körperkontakt und deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Schon früh liebt dein Kind ein verlässliches Ritual, das euch beiden zugleich Anregung und Entspannung schenkt. 

Wie beim Essen ist auch beim Lesestoff Abwechslung erfüllender als Einseitigkeit. Die wahre Würze kommt mit dem Kontrast: Tägliches Apfelmus mit Schlagobers wird fad. Genauso sind die immer nur heiteren, einfachen Bücher ohne Ecken und Kanten leicht verdauliches Lesefutter. Zwischendurch braucht’s auch Butterbrot mit Essiggurkerl oder scharfen Radieschen, die die Geschmacksnerven kitzeln. So machen gerade schwierigere Texte und Bilder durch die Herausforderung Spaß und regen das Hirn an.

Die Mischung macht´s: Nach Lust und Laune wird dein Kind selbst auswählen und bekommt bereits sehr früh die Chance, seinen eigenen „Lese“geschmack auszubilden. Wichtig ist, dass du dein Kind trotzdem nicht mit zu viel Angebot überschüttest: Sucht eure gemeinsame Lektüre bewusst aus, danach, was vielleicht genau jetzt aus irgendeinem Grund eine wichtige Anregung für euch ist.

 

  • Klassisches Vorlesealter

Für längere Geschichten kommt die Aufmerksamkeit im Alter ab 3-4 Jahren. Die Bilder, die den Texten zur Seite gestellt sind, sollten euch sofort ansprechen, neugierig machen und zur Lektüre verlocken.

Eine vielfältige Sprache erweitert den passiven Wortschatz deines Kindes, kompliziertere Handlungen mit überraschenden Wendungen fordern die Kombinations- und Auffassungsgabe heraus. Auch Stil und Ausdruck können durchaus schon anspruchsvoller sein, beispielsweise Grimms Märchen in Originaltexten, die neben dem Inhalt auch über die Sprachmelodie und den altertümelnden Klang fremder Wörter (z. B. „ein Zugemüs, wie es der König isst …“) in zeitlich ferne Welten entführen. 2012 feierten wir übrigens das 200-jährige Jubiläum der Erstveröffentlichung der „Kinder- und Hausmärchen“.

Ermuntere dein Kind beim Vorlesen zum Nachfragen und vergewissere dich von Zeit zu Zeit, dass es ungewöhnliche Wörter versteht. Das ist wichtig, um auch später beim Lesen sinnerfassend zu entschlüsseln. Aber unterbrich nicht genau dann, wenn’s gerade spannend wird!

Beachtenswert in Vorlesegeschichten ist ein hohes Niveau der Schriftsprache: Längere Sätze und beschreibende Adjektive bilden eine wertvolle Ergänzung zum einfachen Bilderlesen, dem Plaudern über die Darstellungen.

Texte mit kurzen Dialogen sind lebendiger, erst recht, wenn du mit deinem schauspielerischen Talent experimentierst und sie mit verstellter Stimme vorliest. Nur keine Hemmungen: Dein Kind wird ein begeistertes Publikum sein, beiderseitiger Spaß ist garantiert!

 

Bilderbuchlesen macht auch gemeinsam Spaß

Bilderlesende Buben, Bild: Veronika Mayer-Miedl

  • Komplex und actionreich

Neben illustriertem Vorlesestoff sind es besonders Bilderbücher, die dein Kind faszinieren und ihm die Welt näherbringen. Sie erzählen hauptsächlich in Bildern, die eine Vormachtstellung gegenüber dem begleitenden Text darstellen können oder auf Schrift gänzlich verzichten.

Je vielschichtiger die Bilder, umso differenzierter kann dein Kind mit deiner verbalen Beschreibung seine eigene Sprache verfeinern. Neben den Jahreszeiten-Wimmelbüchern der R. S. Berner (übrigens auch im handlichen Midi-Format für unterwegs) gibt’s eine große Auswahl an Bildergeschichten und textlosen Bilderbüchern: Für Kinder ab 4 Jahren sind zum Beispiel die „Torten-Bücher“ (Thé Tjong-Khing) ein einzigartiger Bilder-Lesestoff. Das Tolle am Bilderlesen: Dein Kind erlebt sich lang vor dem Lesenlernen als selbstständig lesende Person. Bücher mit Bildern, die nicht auf den ersten Blick eindeutig sind, mit fantastischen oder surrealen Situationen oder Figuren, sind viel fesselnder und geheimnisvoller. Zum Lösen vieler Bilderrätsel lädt das Buch „Verflixt, hier stimmt was nicht“ (Barbara Scholz) ein. Besonders für Liebhaber technischer Details großartig: „Serafin und seine Wundermaschine“ (Philippe Fix). Das genaue Hinschauen und Entdecken von Kleinigkeiten in den detailreichen Abbildungen schult die optische Wahrnehmung, die dein Kind beim späteren Buchstabenlesen braucht.

 

  • Bild-Text-Beziehung

Für größere Bilderbuchkinder reizvoll sind jene Geschichten, in denen zwischen Bild und Text eine spannende Beziehung herrscht, die über das bloße Abbilden hinausgeht. Die Bild-Text-Beziehung erschließt sich dann nicht auf den ersten Blick, es ist fein, wenn du dir dafür bei der Auswahl genügend Zeit nimmst. Paradebeispiele dafür sind „Papa!“ (Philippe Corentin) oder „Nachts“ (Wolf Erlbruch). Du kannst sicher sein: Auf diese Art anspruchsvoller Bilderbücher wird dein Kind auch noch Jahre später zurückgreifen und sie mit Vergnügen neu entdecken.

Dein 4–6-jähriges Kind mag wahrscheinlich Rollenspiele, fantasievolle Reisen in andere Welten. Wenn du auf seine aktuellen Lieblingsfiguren, Tiere etc. Rücksicht nimmst, kann bei eurer Buchentscheidung nicht viel schief gehen. Vermeide Bilderbücher, die nur lieb und niedlich sind. Sie bleiben an der Oberfläche, bieten wenig Anregung und gaukeln deinem Kind eine heile Welt vor, die nicht der Realität entspricht. Natürlich lieben wir alle es, uns ab und zu in einem warmen Schaumbad aus Seifenblasen einzulullen. Nur lernen wir dabei nicht viel Neues. Kinder gehen mit Problemen überraschend souverän um – und: Sie wollen für voll genommen werden!

 

  • Keine Angst vor starken Bildern

„Das Kind möchte ich erst mal sehen, das vor einem Bild kapituliert!“, meinte Nikolaus Heidelbach, vielfach preisgekrönter deutscher Illustrator, auf die Frage, ob seine Bücher nicht eher für Erwachsene gedacht seien. „Ein Buch für Bruno“, mittlerweile ein Klassiker, entführt den gelangweilten wohlstandsübersättigten Bruno in eine Welt voller Abenteuer und Gefahren, in der er zum Helden wird, die sich jedoch realistisch zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Mit deinem Kind angsteinflößende Bilder zu betrachten erscheint absurd, die „Stiftung Lesen“ (siehe Tipp weiter unten) warnt sogar ausdrücklich davor. Doch sich auf dem sicheren Sofa neben Mama oder Papa den inneren Ängsten zu stellen, die jeden von uns bewohnen und beherrschbar sind, ist besser, als ihnen eines Tages allein begegnen zu müssen. Nachrichtensendungen, Internet und Film überhäufen uns tagtäglich in raschem Tempo damit, da ist es beruhigend, wenn man schon als Kind gelernt hat, über starke Bilder zu sprechen, sie in bereits Erlebtes passend einordnen und relativieren kann. Diese Fähigkeit bildet dein Kind mit deiner Hilfe anhand von herausfordernden Bilderbüchern spielend leicht aus – und auch für dich ist solch eine Bilderbuchbetrachtung spannender als nur Kuschelweiches zu wiederholen.

Die „wilden Kerle“ von Maurice Sendak („Wo die wilden Kerle wohnen“) haben seit den 60er Jahren zahlreichen Nachwuchs bekommen. Ein jüngst erschienenes sehr spannendes Bilderbuch zum Thema Angst ist „Der schwarze Hund“ (Levi Pinfold).

  

Tipp zum Selbermachen

MINIBOOKS

Falte mit deinem Kind aus einem einfachen A4-Blatt Papier ein eigenes kleines Büchlein, das ihr selbst gestalten könnt: Eine selbst ausgedachte kleine Geschichte mit Zeichnungen oder Collagen aus ausgeschnittenen Bildern, Aufklebern, Stempeln … lasst eurer Kreativität freien Lauf!

Sollte dein Kind mit einer Erkältung oder leichten Grippe das Bett hüten müssen, dann ist diese kleine Bastelei (Servierbrett ergibt einen einfachen Bett-Schreibplatz) eine willkommene Abwechslung zu Hörbüchern und Fernsehen.

Viel Spaß!

Anleitung

 

  • Bilderbücher über Schrift und Schreiben

Manche Kinder lernen bereits mit 5 Jahren lesen und schreiben. Sie sind entweder besonders neugierig und haben dazu ehrgeizige Eltern, die hoffentlich ohne Druck das verlangte geistige Futter bereitstellen. Oder sie bringen es sich selbst bei, stückchenweise und oft durch relativ unauffälliges Nachfragen. Obwohl diese Kinder eher Ausnahmen darstellen und niemanden von uns Eltern unter Leistungsstress bringen sollten (!), lässt es sich nicht leugnen, dass Kinder dieses Alters ein großes Interesse an Symbolen, Zeichen und, ja, Buchstaben und Schrift haben. Sie spielen Schreiben, imitieren beim Zeichnen den Schriftfluss, können schon bald den eigenen Namen zu Papier bringen. Bücher, die unsere Schrift- und Buchkultur thematisieren, sind daher besonders beliebt. Im Klassiker „Irma hat so große Füße“ (Ingrid und Dieter Schubert) wird das Spiel mit einer Bildersprache angeregt, die Vorteile der Schriftkenntnis werden eindrücklich und sehr humorvoll argumentiert im Buch „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ (Martin Baltscheit).



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