Aufruhr in der Schule – Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens

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Im Moment werden die Medien und die öffentliche Diskussion vollkommen von den Themen „Terrorgefahr“ und „Flüchtlingskrise“ beherrscht. Dadurch wird ein anderer gesellschaftlicher Dauerbrenner überdeckt, der viele Eltern und ihre Kinder betrifft, beeinflusst und stresst: die Bildungs- und Schulpolitik. Diese bekommt durch all die Flüchtlingskinder, die ins Schulsystem drängen, integriert werden müssen und die deutsche Sprache lernen sollen, gerade noch eine zusätzliche Brisanz.

 

Fragwürdige Bildungsreformen

Bereits seit dem Pisa-Schock ist die Bildungslandschaft kräftig in Bewegung geraten. Da der Bildungsvergleich der OECD 2003 (Pisabericht II, vgl. den Nationalen Bericht zu Pisa II in WISO 28. Jg. (2005), Nr. 1 „Österreich im PISA-Schock?“ von  F. Bauer/B. Hauer/M. Neuhofer) ergab, dass neben Deutschland auch Österreich in Mathematik, in den Naturwissenschaften und in der Lesekompetenz nur mittelmäßig abschneide, wurden im Bildungsbereich seither umfangreiche Reformen „von oben her“ in Gang gesetzt: von den Kultusbehörden. Dabei spielte und spielt der Einfluss von Wirtschaftskreisen, Bildungsinstituten, tatsächlichen und vor allem selbsternannten Bildungsexperten sowie reißerischen Bildungsjournalisten eine entscheidende Rolle. Nicht gefragt wurden die wirklichen Experten für Pädagogik, Erziehung und Bildung: die Lehrer. Auch nicht gefragt wurden die Schüler, die eigentlich Betroffenen jeder Bildungsreform.

Als Lehrer bekommt man seither den Eindruck, dass im Monats- oder gar Wochentakt eine jeweils neue „bildungspolitische Sau” durchs Schuldorf getrieben wird. Um Schule und Bildung ist ein richtiger Hype entstanden – immer auf dem Rücken von Lehrern und Schülern ausgetragen.

Dabei hat der Neuseeländer Bildungsforscher John Hattie in seiner berühmten Mega-Studie „Visible Learning“ (zu Deutsch etwa: Lernen sichtbar machen) festgestellt, dass der Bildungserfolg der Schüler weder von einzelnen Unterrichtsmethoden wie etwa dem computergestützten Unterricht noch von der Schulstruktur wesentlich abhängt. Entscheidend für einen guten und effizienten Fachunterricht sind vielmehr Faktoren wie die „Lehrer-Schüler-Beziehung“ oder die „Klarheit der Lehrperson“. Wieso wird John Hattie von deutschen und österreichischen Bildungspolitikern und Lehrplanmachern noch immer so wenig beachtet und ernst genommen?

 

Auf die LehrerInnen kommt es an

Um der stets neuesten digitalen Reform von Unterrichtsmitteln oder „moderner“ Unterrichtsmethoden Willen werden die wahren Bedürfnisse der SchülerInnen immer mehr vergessen oder übersehen. SchülerInnen sind keine Lernmaschinen, Schulen dürfen nicht auf Kosten von LehrerInnen und SchülerInnen von Bildungsinstituten und Kultusbehörden zu bloßen Versuchslaboratorien missbraucht werden – etwa im Bereich der Bildungsinhalte, der Schulstruktur oder der an Modellen der Wirtschaft orientierten Schulverwaltung.

Vielmehr wünschen sich die Schüler gerade im Lehrer auch in Zukunft einen „Menschen aus Fleisch und Blut“, mit Herz und Verstand,

  • der ihnen neben der Wissensvermittlung Orientierung und Halt gibt – auf ihrem Weg durch die Pubertät und hin zum Erwachsensein;
  • der ihnen notwendige Grenzen setzt, wenn sie über das Ziel hinausschießen;
  • der Mitgefühl zeigt, wenn sie Probleme haben – etwa weil sich die Eltern gerade trennen oder weil sich ein schulischer Misserfolg eingestellt hat;
  • der sie – einem Magier gleich – immer wieder durch seine Fächer, Themen und Projekte begeistern und aufbauen kann;
  • der empathiefähig ist, einen guten Draht zu ihnen hat und der ihnen in unserer schnelllebigen Zeit ein Anker ist, an dem sie sich immer festhalten können.
  • der ihre soziale und spirituelle Wesensseite, das heißt ihre grundsätzliche Offenheit für das Intuitive, Göttliche und Magische, erkennt, anrührt, fördert und zum Klingen bringt. 

 

Die Schule muss den ganzen Menschen bilden

Unseren SchülerInnen wird zudem viel kognitives Wissen eingetrichtert. Ihre Herzensbildung wird in diesem ganzen Getöse des modernen Schulsystems immer mehr übersehen. Offensichtlich will man fast um jeden Preis die Zahl der MaturantInnen in möglichst kurzer Zeit erhöhen, um den Wirtschaftsstandort Österreich auch in Zukunft zu sichern und global wettbewerbsfähig zu halten. Dagegen ist zumindest grundsätzlich nichts einzuwenden.

Wenn dieses Vorhaben aber auf Kosten der Entwicklung von Herz, Charakter, Wertebildung und Sozialkompetenz der SchülerInnen geht, wenn auf Drängen von Wirtschaftskreisen nur mehr eine wirtschaftliche, naturwissenschaftliche und informations-technische Ausrichtung der Schulen im Vordergrund steht, dann tut sich unsere Bildungsgesellschaft selbst einen Bärendienst. Der ganze Mensch muss angesprochen werden – auch im dritten Jahrtausend. Das sollten uns Verantwortlichen – uns Eltern, LehrerInnen und PolitikerInnen – doch unsere Kinder wert sein. Sie sind unser bestes Potential, das wir haben und unsere menschliche Zukunft!  

 

Bildung ist ein fortwährender Prozess

Bildung ereignet sich in einem fortwährenden Prozess. Bildung findet nicht nur im Kopf statt, sie muss auch die Herzen der SchülerInnen erreichen, wenn sie wirklich gelingen und nachhaltig sein soll. Die Jugendlichen brauchen also einen menschlichen Ort, wo sie Wärme erfahren, Anerkennung bekommen und wo auch ihre intuitive und magische Seite berührt werden kann. Dieser Lernort wird aber entscheidend durch den Lehrer/die Lehrerin beeinflusst und gestaltet. Die Lehrpersönlichkeit ist oft der einzige verbliebene „Ort“, die einzige Instanz, die in der Schule von heute menschlich geblieben ist. Der Lehrer/die Lehrerin muss auch in Zukunft seine/ihre „analoge“ Seite bewahren, selbst wenn viele Arbeitsmittel und Unterrichtsmethoden „digital“ sein werden. Daher möchte ich zum Schluss drei Prinzipien erläutern, die meiner Erfahrung nach entscheidend für eine gute Lernatmosphäre und für eine Herzens-Pädagogik sind und die wesentlich vom Lehrer abhängen.

 

Pädagogik des Herzens – drei Prinzipien

Prinzip 1: Liebe zu den Menschen – Liebe zu den SchülerInnen

Wenn man als LehrerIn seine SchülerInnen nicht grundsätzlich liebt, sollte man diesen herausfordernden, anstrengenden, aber attraktiven, erfüllenden und lebendigen Beruf sein lassen. Die SchülerInnen haben es verdient, einen Menschen vor sich zu haben, der sie bei ihrer Entwicklung und Persönlichkeitsreifung wohlwollend unterstützt, sie annimmt, wie sie sind, sie wertschätzt und sie ermutigt, ihren Weg zu gehen. Dies setzt aber eine Lehrperson voraus, die in ihrer Persönlichkeit selbst gereift ist und ihre Liebesfähigkeit entwickelt hat.

 

Prinzip 2: Erziehung durch Beziehung

Der Lehrer/die Lehrerin muss die Klasse leiten und führen, den SchülerInnen Orientierung geben und ihnen Wissen vermitteln. Fühlen sich SchülerInnen vom Lehrer/von der Lehrerin gesehen, beachtet, wertgeschätzt, anerkannt und geliebt, dann sind sie in den meisten Fällen motiviert, auch schwierige fachliche Themen zu meistern. Eine gelungene Beziehung zwischen LehrerIn und SchülerIn kann Berge versetzen, Begeisterung erzeugen und eine gute Arbeitsatmosphäre schaffen. Wenn moderne Bildungsreformen diese wichtige Ebene der Lehrer-Schüler-Beziehung übersehen, müssen sie scheitern!

 

Prinzip 3: Fördern und (heraus) fordern

Kinder und Jugendliche wollen herausgefordert werden – fachlich, aber auch menschlich. Sie wollen sich engagieren für gesellschaftliche Themen, fachliches Wissen und soziale Fragen. Dazu müssen wir LehrerInnen und die Schulen ihnen die Gelegenheit bieten, sich zu bewähren: Etwa in der Projektarbeit in Kleingruppen, in der Lösung kniffliger fachlicher Fragen, die dann öffentlich präsentiert werden oder in sozialen Aufgaben wie etwa in der Arbeit als TutorIn, der jüngeren SchülerInnen hilft. Entscheidend ist dann immer, dass SchülerInnen für ihre Arbeit gelobt, anerkannt und gewürdigt werden.

 

Fazit: Verwandlung statt Veränderung

Die Schulen und Kultusbehörden sollen – neben der fachlichen Bildung – die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen stets in den Mittelpunkt jeder Reformtätigkeit stellen und im Blick behalten. Denn nur dann ist sicher gestellt, dass eine Reform organisch ist und mit der Entwicklung der Kinder in natürlicher und gesunder Weise korrespondiert. Jugendliche erfahren in der Pubertät und in ihrem langjährigen Prozess der Initiation, also ihres Erwachsenwerdens, eine permanente Verwandlung. Eine Bildungsreform, die von oben kommt, läuft hingegen Gefahr, eine zu abrupte und nur „hirnige“ Veränderung von Bildungsinhalten, Unterrichtsmethoden und Schulstrukturen zu verlangen, die kontraproduktiv zur natürlichen Entwicklung und Verwandlung der SchülerInnen steht. Wonach sollte sich also eine Bildungsreform orientieren? Immer an den Bedürfnissen der SchülerInnen und immer aus dem Herzen heraus!

 

Peter Maier

(Gymnasiallehrer, Initiations-Mentor und Autor)

 

Buchtipp:

Schule – quo vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“.

„Schule macht krank, besonders das G8-Turbo-Gymnasium“! So klagen immer mehr Eltern und Schüler. Tatsächlich hat im Bildungssektor seit dem sogenannten Pisa-Schock eine wahre Reformflut eingesetzt – veranlasst von den Kultusbehörden und auf Druck von Wirtschaftskreisen. Diese Reformen gehen häufig über die Köpfe von Lehrern und Schülern hinweg.

Schulen sind aber keine beliebigen Versuchslabore, Kinder und Jugendliche keine digitalisierbaren Lernmaschinen. Gerade in der Pubertät brauchen Schüler im Lehrer einen verständnisvollen Menschen, der ihnen nahe steht, sie ermutigt und unterstützt und ihnen genügend Raum lässt für Kreativität, Selbstreflexion und für die Ausbildung sozialer Kompetenzen.

Der erfahrene Pädagoge Peter Maier entwickelt an Hand des Modells des Lebensrades seine „Pädagogik des Herzens“, die neben der Wissensvermittlung die Bedürfnisse der Schüler, ihre Persönlichkeitsentwicklung, Charakterbildung und Werteerziehung im Blick hat. Er zeigt auf, wie eine Schule mit menschlichem Antlitz auch in Zeiten des beständigen Reformdrucks bezüglich Schulstruktur, Bildung und Unterricht möglich ist.

ISBN: 978-3-95645-659-6 

 

Weitere Bücher des Autors:

(2) „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“

      ISBN: 978-3-86991-404-6

 

(3) „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen“

      ISBN: 978-3-86991-409-1


Nähere Infos und Buch-Bezug: www.initiation-erwachsenwerden.de



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