Jetzt im Herbst zeigt uns die Natur mit einem Farbenfeuerwerk ganz besonders anschaulich, was alles in ihr steckt. Knallgelbe und blutrote Blätter vor tiefblauem Himmel ziehen unwillkürlich unseren Blick an und lassen uns staunen. Ein guter Grund, um das Hinschauen auf die Wunder der Natur zur täglichen Routine werden zu lassen – und dabei ganz neue gedankliche Wege einzuschlagen: Komm mit ins Neugier-Wunderland! 

Kannst du spontan an ein gelbes Zebra denken? Ziemlich schwierig, oder? Wir haben nun einmal gelernt, dass ein Zebra weiß mit schwarzen Streifen ist und genau dieses Bild erscheint vor unserem inneren Auge. Nun wollen wir aber alte Pfade verlassen, um neu hinschauen zu lernen, um das Wesen der Dinge einzufangen – die Kleinigkeiten, die Eigenheiten, die Besonderheiten… Das, was es richtig spannend macht.

Und was „wahre“ Künstler zur Perfektion gebracht haben. Sie scheren sich nicht um Konventionen, denken nicht in Schubladen, in vorgefertigten Schablonen. Sie lassen die Dinge auf sich wirken und bilden ab, was sie „wirklich“ sehen. Und das ist nun einmal bei jedem etwas anderes. Sonst wären ja alle Bilder auf immer und ewig gleich – wie überaus langweilig! Hab also den Mut und lass dich ein aufs Hinschauen, aufs Hinterfragen, aufs Hinhören, Hinspüren…

„Wahrhaft hinzusehen bzw. das genaue Beobachten fällt uns oft viel leichter, wenn wir neue Perspektiven einnehmen“, weiß die Künstlerin und Naturforscherin Verena Hillgärtner (s. Übung unten „Die Welt steht plötzlich Kopf“).

Aber es geht nicht nur ums Hinschauen, sondern auch ums (Hinter-)Fragen. Dazu gehört ein bisschen Mut, denn die wenigsten bekommen gerne Fragen gestellt, auf die sie keine Antwort wissen. Außerdem wird dir dadurch erst so richtig klar, was du alles noch nicht weißt; dir eigentlich noch nie in den Sinn gekommen ist, dass man darüber überhaupt nachdenken könnte. Aber nur, wenn du unübliche Fragen stellst, kommst du auch auf unübliche Antworten – und darum geht es schließlich beim Forschen und Entdecken und Staunen. Stell also „dumme, lästige, umständliche, unnötige…“ Fragen – hier ein paar knifflige Anregungen für dich:

  • Warum hat das Rotkehlchen einen roten Fleck?
  • Gibt es männliche und weibliche, faule und fleißige, dicke und dünne Ameisen und Bienen?
  • Wieso heißt die Bienenkönigin so?
  • Woher wissen Regenwürmer, wo oben und unten ist?
  • Ob der Maulwurf wohl lieber über der Erde leben würde?

Wie wär’s, wenn du mit deiner Klassenlehrerin ausmachst, dass es einmal in der Woche eine Stunde gibt, wo ihr „dumme“ Fragen stellen dürft, die euch bei einem vorherigen kurzen Spaziergang draußen auf- bzw. eingefallen sind? Wär das nicht spannend und lustig und sicherlich sehr lehrreich? Ihr könntet im Anschluss gleich ein paar kreative Ideen (s. Tipps unten!) umsetzen. Das Gleiche geht natürlich auch zuhause in der Familie, mit Freunden, Geschwistern.

Und wenn ihr zu hören bekommt „Auf was für Fragen du immer kommst…!“, dann habt ihr den Dreh raus!

Und nun ein paar praktische Ideen für euch: (Quelle: s. Buchtipps) 

  • Misty Photography:
    Geh mit einer Milchglasscheibe (z.B. Glas eines Bilderrahmens mit milchiger, selbstklebender Folie bezogen) nach draußen. Such dir nun Motive in der Natur, zB. Pflanzen, gegen die du die Scheibe presst und mach davon ein Foto. Das sieht ziemlich geheimnisvoll und spooky aus. Das fotografierte Bild wirkt abstrakt, geister- und schemenhaft, dunstig-neblig und künstlerisch interessant. Unterschiedliche Glasscheiben ergeben unterschiedliche Bildwirkungen.
  • Die Welt steht Kopf:
    Wir zeichnen von einem Foto ab, das auf den Kopf gestellt wird. So verschwimmen bekannte Gestalten zu spannenden neuen Formen.
  • Spiegelungen:
    Mit Hilfe eines Handspiegels, eines Auto-Rückspiegels, der Spiegelung in einem (Schau-)Fenster, einer Pfütze, eines Sees… zeichnest du die Spiegelung eines Motivs draußen ab. Dadurch ergeben sich interessante Bildausschnitte, ungewöhnliche Motive und Perspektiven. Mach ein Dokumentationsfoto vom Original-Motiv. So hast du einen spannenden Vergleich zu deiner Zeichnung. Roberta Bergmann: „Spiegelungen abstrahieren die Realität immer ein Stück weit und überraschen so unsere Wahrnehmung. Ungewöhnliche Sichtweisen inspirieren uns so zu neuen Ausdrucksformen.“
  • Naturmaterial einbinden:
    Such dir draußen interessante Naturmaterialien wie Blätter, Zweige, Steine,… Nun legst du diese auf ein Zeichenblatt und überlegst dir, wie du das Material zeichnerisch ergänzen könntest. Einzelne echte Blüten und Blätter werden z.B. zu einem Blumenstrauß, der in einer gezeichneten Vase steckt. Ein gezeichnetes Eichhörnchen greift vielleicht nach einer echten Frucht, die auf einem Ast hängt. Mach ein Foto von deinem Ergebnis, denn das Werk ist aufgrund der Naturmaterialien nicht von langer Dauer. Es sei denn, du trocknest das Ganze.

Buchtipps:

  • Bergmann, Roberta: Kreativ unter freiem Himmel. Projekte in Stadt und Natur. Haupt Verlag, Bern, 2023. Die Autorin ist Kreativschaffende und lehrt „Gestaltung“ sowie „Kreativität“ an der Hochschule. In diesem Buch präsentiert sie eine Fülle an kreativen Ideen für draußen. Sie sollen als Anregungen bzw. Ausgangspunkt für individuelle Entdeckungen in der Natur dienen. Bergmann: „Erweitern Sie Ihren Scannerblick, wenn Sie draußen unterwegs sind. Sie werden sich wundern, was Sie plötzlich wahrnehmen und auf welche künstlerischen Ideen Sie kommen!“
  • Hillgärtner, V.: Nature Journaling. Dein Weg zu mehr Kreativität, Naturverbindung und Neugier. Verlag Kosmos, Stuttgart, 2023.