Grün ist die Stadt der Zukunft

Foto: Lukas Beck

Clemens G. Arvay, der Grazer Biologe, Landschaftsökologe und Pflanzenwissenschafter, gibt in seinem neuen Buch „Biophilia in der Stadt“ Antworten auf Fragen nach der Vereinbarkeit von Stadt und Natur –  zum Wohl von Mensch und Natur. Ein kluges, ein dichtes, ein informatives, unbedingt lesenswertes Buch von einem Autor, der nicht nur Schwarz-Weiß sieht, sondern eingehend weltweit recherchiert und nachvollziehbare, zukunftsweisende Beispiele bringt – ein durchwegs positives Buch über die Machbarkeit biophiler, grüner, lebenswerter Metropolen der (nahen) Zukunft.

Biophilia in der Stadt von Clemens G Arvay

Was bedeutet „Biophilia-Effekt“? Damit meine ich ein Naturerlebnis mit äußerst positiven Auswirkungen auf unsere körperliche Gesundheit und unser psychisches Wohlbefinden. Diese Auswirkungen lassen sich wissenschaftlich nachweisen. Der Biophilia-Effekt kann ernsthafte chronische Erkrankungen in der Stadt zurückdrängen und eine biologische Verjüngungskur der StadtbewohnerInnen in Gang setzen. Wie das? Urbane Wälder haben zum Beispiel das Potenzial, die Gehirnentwicklung unserer Kinder zu fördern. Dabei ist, wie ich es nenne, das „heilsame Trio des Waldes“ besonders wichtig. Diese drei bioaktiven Natursubstanzen sind in ökologisch gesunden Waldgebieten immer zu finden: Überall dort, wo das Wasser noch wild sein darf, über Steine rauscht und unreguliert seine Partikel in die Luft schleudert, als Anionen. Im naturnahen Waldboden als Mykorrhiza – der unterirdischen Symbiose von Pilzen und Pflanzenwurzeln – als „Biophilia-Bakterium“ aus gesunder Erde, die vor Leben wimmelt. In der Waldluft, die voll ist von bioaktiven Wirkstoffen, Terpene genannt, mit denen Bäume untereinander kommunizieren. Auch sie haben ein enormes Gesundheitspotenzial für uns Menschen. Wieso macht uns Natur glücklich? Malerische Landschaften sowie das rege Leben und Wachstum von Pflanzen und Tieren ziehen uns wie magisch an. Es erhält uns lebendig und gesund, wenn wir die biophilen Kräfte in uns aktivieren. Das geschieht, indem wir mit der Natur in Kontakt kommen. Macht uns in der Stadt zu wohnen krank? Die Trennung von der Natur setzt uns körperlich und psychisch zu, während Naturkontakt uns gesund hält oder unsere Heilung unterstützt. Beispielsweise nimmt für Stadtbewohner die Gefahr einer Herz-Kreislauf-Erkrankung nachweislich ab, wenn rund um ihre Wohnungen Bäume gepflanzt werden. In Waldgebieten sinkt die statistische Häufigkeit von Krebserkrankungen, was ein starkes Argument für mehr Stadtwälder ist. Was bewirkt der Biophilia-Effekt? Er hilft Stadtbewohnern, ihre körperliche und psychische Gesundheit zu schützen. Die Begrünung von Städten schwächt Aggressionen ab. Opfer von traumatischen Erlebnissen profitieren von urbanen Therapiegärten. Ich beschreibe in meinem Buch verschiedene Möglichkeiten für Stadtbewohner, jetzt schon in den Genuss der Heilkraft der Natur zu kommen. Dazu müssen sie nicht einmal das Stadtgebiet verlassen, denn ich beschreibe nur solche Zugänge zur Natur, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Das gesundheitsschützende Waldbaden ist in allen unseren Metropolen jederzeit möglich. Was macht den Unterschied zwischen einem Stadtspaziergang und einem Waldspaziergang aus? Naturspaziergänge wirken sich äußerst positiv auf unser Immunsystem aus, während Spaziergänge in der Stadt diese Wirkung nicht haben. Im Vergleich zum ländlichen Raum bekommen achtmal mehr Stadtkinder Asthma. Stadtbewohner erkranken mit 68 bis 77 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit an einer Psychose, auch das statistische Schizophrenie-Risiko steigt im urbanen Raum sowie das Risiko einer Depression, während der Kontakt zur Natur die Heilung der genannten psychischen Beschwerden unterstützt. Ein gutes Argument für Wälder in Krankenhausnähe! Wie schaut die Stadt der Zukunft aus? Die lebensfreundliche Stadt der Zukunft wird von einem Netzwerk aus „Biophilia-Korridoren“ durchzogen sein wie von grünen, organischen Adern. Siedlungen und Bürokomplexe werden nach dem Vorbild der Farben und Formen der Natur verändert werden, weil sich dadurch der Gehalt an Stresshormonen im Blut senken wird. Die Grenzen zwischen drinnen und draußen werden verschwimmen. Hausfassaden werden von vertikalen Gärten bewachsen sein, natürliche Baumaterialien wie Holz und Lehm eine Renaissance erleben. Buchtipp: Arvay, Clemens G.: Biophilia in der Stadt. Wie wir die Heilkraft der Natur in unsere Städte bringen. Mit einem Vorwort von Gerald Hüther. Verlag Goldmann, München, 2018.

Daniela Christl



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