Du kriegst, was du siehst

Die Tyrannenlüge: Überfordern mit zu viel Geduld? Foto: Fotolia/JenkoAtaman

Ein Plädoyer für einen neuen Erziehungsstil von Julia Dibbern, das Buch "Die Tyrannenlüge", stellt Eva Großmann vor.  Als meine Mutter im Sommerurlaub Zeugin eines langen diskussionsreichen Bettgeh-Prozesses mit meinem Sohn (4 Jahre) wurde, meinte sie: „Du überforderst ihn mit deiner Geduld.“ Ich war irritiert. Gibt es zu viel Geduld? Tu ich mit dem Wunsch, meinem Kind auf Augenhöhe zu begegnen und möglichst wenig sinnlosen Zwang auszuüben, etwa gar nichts Gutes? Glücklicherweise las ich kurz darauf das Buch „Die Tyrannenlüge“ von Julia Dibbern, Autorin, Fachjournalistin (mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit und Familie) und Mutter. Darin widmet sie sich der These, dass „es immer schlimmer wird mit den Kindern/Jugendlichen“, (die dauernd nur am Smartphone spielen, in der Schule nichts leisten wollen, unhöflich und egoistisch sind...) und sie Schritt für Schritt widerlegt. Denn obwohl 82 Prozent der Deutschen angeben, ein enges und liebevolles Verhältnis zu ihren Kindern zu haben, strotzen Medien, in Fachbücher, Alltagsgespräche nur so vor Klagen, unsere Kinder würden zu nicht gesellschaftsfähigen Erwachsenen heranwachsen. Häufig heißt es, die instabilen Familien, der Zeitmangel der Eltern wäre schuld an den Missständen. Julia Dibbern hat Fakten gesammelt, die das widerlegen: die berufliche Beanspruchung der Eltern war früher höher; Eltern verbringen heute mehr Zeit mit ihren Kindern als noch in den 80ern; berufstätige Mütter verbringen kaum weniger Zeit mit ihren Kindern als nicht berufstätige (sie ziehen die Zeit eher bei Haushalt und Partner ab...). Sind die neuen Medien verantwortlich, dass es so bergab geht mit den Kindern und Jugendlichen? Haben sie früher wirklich die ganze Zeit draußen gespielt (und nie Comics gelesen)? Wie erleichternd ist das Ergebnis von Studien, dass sich Eltern im Rückblick fast immer übertriebene Sorgen über Umfang und Inhalt des Medienkonsums gemacht haben. Aus ihrer Sicht, schreibt Julia Dibbern, ist jedoch die zunehmende Entfremdung von der Natur, wie sie Richard Louv mit seinem Begriff „Natur-Defizit-Syndrom“ beschreibt, ein ernst zu nehmendes Thema. Angesichts der Situation auf unserem Planeten bräuchten die Menschen in Zukunft die Verbindung zur Natur – schon um zu erkennen, dass sie erhaltenswert ist. Eine Kombination aus natürlichen und virtuellen Erfahrungen und Fertigkeiten – ein hybrid mind – sei dafür unerlässlich und sollte entsprechend gefördert werden. Warum hören die Klagen über heranwachsende Tyrannen nicht auf? Julia Dibbern beantwortet dies zum Einen mit der Aussage: „what you see is what you get“. Wer Tyrannen erwartet (wie die eventuell problemfokussierten Kinder- und JugendpsychiaterInnen in ihrer täglichen Praxis), wird überall Tyrannen sehen. Wer liebevolle Kinder erwartet, die sich nach Kräften bemühen, wird sie überall finden. Zum Anderen gab es immer schon einen gewissen Prozentsatz an „schwierigen“ (oder pathologisierten) Kindern, für die unser derzeitiges Bildungs- und Gesellschaftssystem wenig Verwendung hat, die aber zum Beispiel in einer Jäger- und Sammlergesellschaft hilfreiche Qualitäten gehabt hätten. Glücklicherweise hat sich der Umgang mit Kindern im Lauf der Zeit gewandelt. Es gibt eine Evolution der Eltern-Kind-Beziehung (nachzulesen bei Lloyd deMause). Und hier gibt es gerade wieder einen großen Entwicklungssprung vom sozialisierenden Modus (in dem das Kind ausgebildet, angepasst und sozialisiert werden soll, um auf den rechten Weg zu finden) hin zum unterstützenden Modus, der seit etwa Mitte der 70er Jahre Einzug hält. Dabei gehen Eltern davon aus, dass das Kind selbst am besten weiß, was es braucht, und helfen ihm dabei, versuchen seine Bedürfnisse zu verstehen und zu erfüllen und es als Mensch auf Augenhöhe zu behandeln. Erinnern wir uns an die Aussage meiner Mutter? Als Vertreterin des sozialisierenden Erziehungsmodus ist ihre Sorge, dass zu viel Geduld der Anpassung nicht zuträglich ist, verständlich. Viele der jetzigen Eltern wurden noch so erzogen und ringen jetzt – so wie ich – um einen neuen Ansatz. Und kämpfen oft mit dem Spagat zwischen dem Eingehen auf die Bedürfnisse der Kinder und dem Wunsch, sie für unsere Gesellschaft und eine sich immer schneller verändernde Welt fit zu machen. Wie unfair, wenn Eltern bei diesem Spagat vorgeworfen wird, kleine Tyrannen zu produzieren! Denn es ist bislang nicht gelungen, einen einzigen Diktator (oder Tyrannen) zu finden, der als Kind nachweislich Liebe und Fürsorge erfuhr und von den Eltern gewaltfrei erzogen wurde. Am Ende des Buches fasst Julia Dibbern noch zusammen, was für ein Leben ohne Tyrannenangst hilfreich ist: • vertraue • sieh das Gute • nimm nichts persönlich • frag nach: warum? • wechsle die Perspektive • nimm an, was ist Niemand behauptet, dass das einfach ist. Aber Bücher wie die Tyrannenlüge bestärken einen wieder darin, es zu versuchen.

Eva Großmann



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