Buchtipp: Der Junge, der mit den Piranhas schwamm

Skurrile britische Geschichte für mutige Jungs ab 9

Buchcover: Der mit den Piranhas schwamm

Den kleinen, südamerikanischen Raubfischen wird großer Blutdurst nachgesagt. Es stimmt auch, dass sie oft in Schwärmen angreifen und die dreieckigen Zähne in ihren starken Kiefern wie Messer benutzen. Gruselige Geschichten von ahnungslos Menschen, bei beim Baden in Flüssen bei lebendigem Leibe aufgefressenen werden, jagen heranwachsenden Helden wonnige Schauer über den Rücken.

So einer ist auch Stan Potts, der seit dem Unfalltod seiner Eltern bei Onkel Ernie und Tante Annie lebt. Die ganze Familie fand seit jeher Arbeit in der großen Schiffswerft. Als diese geschlossen werden muss, steht die Familie ohne Einkommen da. Um der Tristesse der Arbeitslosigkeit zu entkommen, startet der Onkel voller Elan ein Fischkonserven-Unternehmen, erfindet eine eigene Fabrik, die das ganze Haus ausfüllt. Tag und Nacht laufen die Maschinen mit ohrenbetäubendem Getöse und alles Fischähnliche, was nur irgend greifbar ist, wird in irrem Tempo eingedost und verpackt. Onkel Ernies manischer Eifer macht auch vor Stans neuen Goldfischen nicht Halt, was den Buben endgültig dazu bringt, der ewigen Plackerei an den lauten Maschinen des Onkels zu entfliehen.

Jahrmarktzauber gegen graue Industriewelt

Er schließt sich dem Jahrmarkt an, der gerade Station in der kleinen Stadt macht, und beginnt ein spannendes Vagabundenleben. Dostojewski, einer der Budenbesitzer, nimmt Stan gegen Arbeitsleistung auf. Dostojewskis Tochter Nitascha kämpft mit der großen Kränkung, von der Mutter – einer gefeierten Tänzerin – verlassen worden zu sein. Allmählich gelingt es Stan, das Vertrauen des verschlossenen und zornigen Mädchens zu gewinnen, sie aus ihrer Ecke zu locken. Ein zartes Freundschaftspflänzchen gedeiht.

Entwicklung zum Helden

Pancho Pirelli, seines Zeichens furchtlosester Mann des ganzen Landes, eilt der Ruf sagenhaften Ruhmes voraus. Er stellt die herausragende  Attraktion des Jahrmarktes dar und bereitet seine sehnsüchtig erwarteten, atemberaubenden Shows vor: Nur mit einer Badehose bekleidet steigt er in ein Becken voller Piranhas, die sogleich synchron zu seinen Bewegungen zu tanzen beginnen. In ihm findet Stanley nicht nur ein Vorbild, sondern auch die Vaterfigur, die er so lange vermisst hat. Pancho nimmt ihn in die Lehre, bildet ihn zum Piranha-Tänzer aus und hilft ihm, den größten Feind zu besiegen: den Piranha in seinem Inneren, und das ist die Angst.

Familienzusammenführung

Onkel Ernie und Tante Annie indessen haben sich längst auf die Suche nach ihrem Neffen gemacht. Verfolgt werden sie dabei von beschränkten Bürokraten: „Ich bin ein DOOF-Baemter, der ämtliche Dinge unterseucht. Merksame Dinge! Seltwürdige Dinge! Dinge, die gar nicht Dinge sein dörften!“

Das DOOF-Einsatzkommando besteht aus richtig ausgefuchsten Fieslingen, die den Onkel für unrechtmäßiges Betreiben der Fischkonservenfabrik ohne Lizenz bestrafen wollen und dabei vor brutaler Gewalt nicht zurückschrecken.

Sie alle werden Zeugen von Stanleys triumphalem Erfolg. Es gelingt ihm, seine Furcht zu überwinden und vor versammeltem Publikum den Unterwassertanz mit den Raubfischen stolz zu überstehen.

Spiel mit Erwartungen

Der Autor spricht danach uns als LeserInnen direkt an und überlässt uns die Entscheidung, ob die feige DOOF-Company nach Stanley ins Piranha-Becken springen soll oder nicht. Ebenso lässt er die mögliche Rückkehr Nitaschas Mutter offen, stellt damit aber ein Happyend für die Jahrmarkt-Familie zumindest in Aussicht.

Zusätzlich zu dieser witzig-schrägen Story voll Sprachwitz und englischem Humor kommuniziert Almond auf diese Weise äußerst kollegial mit der Leserschaft und weckt in uns allen die Lust am Fabulieren und Geschichtenspinnen.

Oliver Jeffers geniale Zeichnungen bilden die perfekte Ergänzung zu Almonds Geschichte.

David Almond: Der Junge, der mit den Piranhas schwamm. Ravensburger Buchverlag 2014. Gebunden, 15,40 Euro, ab 9 Jahren

 

Buchcover: Mina

David Almond ist einer der ganz Großen der britischen Kinder- und Jugendliteratur. Ganz anders ist sein Roman „Mina“ für junge LeserInnen ab 10, in dem ein Mädchen in einen Baum steigt und dort ihren philosophischen Gedanken nachhängt. Gedanken, die sie in ihrem Tagebuch vermerkt und die den Lesern und Leserinnen natürlich auch nicht vorenthalten bleiben. So ist der Roman durchzogen von Seiten, die in besonderer Typografie gestaltet sind und den Textfluss auflockern. Gedichte, lose Wortgruppen und Anweisungen an sich selbst geben der Handlung Akzente und schaffen zusätzliche Verständnisebenen. Mina wird nach einem traumatischen Erlebnis von ihrer Mutter zuhause unterrichtet. Nach und nach kehrt sie aus dem Aufenthalt in ihrer eigenen Welt im Kopf ins gesellschaftliche Leben auf dem Erdenboden zurück, nicht ohne sich diese philosophische Seite zu bewahren.

David Almond: Mina. Ravensburger Buchverlag 2013.  Kartoniert, 10,30 Euro, für Mädchen ab 10 Jahren
 

Buchcover: Zeit des Mondes

 

Auch der Roman „Zeit des Mondes“ hat mittlerweile ebenso im deutschsprachigen Raum Klassikerstatus erlangt.

David Almond: Zeit des Mondes. Ravensburger Buchverlag 2012, 5,20 Euro, für alle ab 12 Jahren

 

 

 

 

 

 

 

Veronika Mayer-Miedl



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