Ein Vater, zwei Töchter, drei Mütter

Jochen König mit seinen Töchtern Fritzi und Lynn

Jochen König mit seinen Töchtern Fritzi und Lynn

Jochen König hat zwei Kinder von drei Müttern. Das klassische Familienbild empfindet er als einengend. Seinen Familienalltag muss er sich je nach Gegebenheit ständig neu konstruieren.

Berlin-Friedrichshain. Jochen König bezeichnet sich selbst als Single-Dad. Er führt keine Beziehung, hat jedoch zwei Töchter. Zu den Müttern hat er guten Kontakt. Sie wechseln sich in der Elternarbeit ab. Den emotionalen Ballast einer normalen Paarbeziehung will er ins Vater-Sein jedoch nicht mitnehmen.

„Das hat sich alles mit der Zeit so entwickelt“, erinnert sich König. Als seine damalige Freundin ungeplant schwanger wurde, stand das Paar vor der Frage, ob sie das Kind behalten wollten. Jochen König konnte sich mehr als seine Freundin vorstellen, sein Leben umzukrempeln und auf das Kind auszurichten. Seine Freundin war skeptisch. Also entschieden die beiden sich für einen Rollenwechsel: Nach der Geburt zieht Fritzi zu ihrem Vater. Seitdem lebt sie zu zwei Dritteln bei Jochen und zu einem Drittel bei ihrer Mutter.

„Damals haben wir auch gesehen, wie schwierig es ist, trotz Kind als Paar zusammen zu bleiben“, weiß er. „Das Kind steht im Vordergrund und man hat weniger Zeit, Konflikte in der Beziehung auszudiskutieren und eine gute Paarbeziehung zu führen.“

Einfach war eine Trennung in dieser Situation trotzdem nicht. „Am liebsten würde man sich ein halbes Jahr lang aus dem Weg gehen“, so König. „Aber man muss am nächsten Tag schon wieder miteinander sprechen, um den Alltag des Kindes zu organisieren.“

 

Mütter als Vorbilder

Vorbilder für seine neue Familienstruktur hatte er keine. „Trial and error“ hieß es – überlegen, wie es funktionieren kann, ausprobieren und ständig überdenken, ob die Situation für Fritzi auch noch angemessen war. Seine einzigen Vorbilder waren: Mütter. „Wer sonst?“, lacht er, da er sich selbst in die Mutterrolle verfrachtet hat. „Mama“ ist sogar Fritzis Spitzname für ihren Vater.

Für sein Engagement erhielt Jochen König viel Lob. „Ich bekam oft auf die Schulter geklopft. Alle fanden es toll – ich fand das unfair, weil ich nichts anders mache als viele Mütter“, so König. „Wenn ich dann einmal etwas vergessen hatte, hatten die Leute viel mehr Verständnis dafür und haben es schnell entschuldigt. Bei Müttern wird das oft viel kritischer beäugt. Das familiäre Engagement, das bei mir gefeiert wird, wird bei Müttern als selbstverständlich angesehen.“

In seinem Familienalltag sieht Jochen König auch viele Vorteile. Wenn Fritzi bei ihrer Mutter ist, hat er zuhause völlige Ruhe und kann in der Nacht durchschlafen. „Das tut mir total gut und ich brauche das auch. Ich sammle in der Zeit ohne Kind Energie für die Zeit mit Kind.“

 

Wunsch nach einem zweiter Kind, aber keiner Beziehung

Nach einigen Jahren mit Fritzi kam bei Jochen König der Wunsch nach einem zweiten Kind auf. Er fragte sich, ob es nicht leichter wäre ein Kind mit einer Frau zu haben, bei der der emotionale Ballast einer normalen Paarbeziehung nicht da ist – also ein Kind mit einer Frau, die nicht seine Partnerin ist. Er ließ die Idee reifen, scherzte darüber in seinem Umkreis, bis sie auf reifen Boden fiel. Vier Monate lang traf er sich regelmäßig mit Marie, der potentiellen Mutter, um sich über die jeweiligen Ideen des Eltern-Seins auszutauschen – beispielsweise wo der Lebensmittelpunkt des Kindes sein sollte – und zu sehen, ob es passen könnte. Es passte, und die zweite Tochter Lynn kam zur Welt. Lynn lebt seit ihrer Geburt Anfang 2015 zur Hälfte bei Jochen König und sonst bei ihrer Mutter und deren Lebensgefährtin – eine Dreierkonstellation, die oft stutzig macht. „Es können nur zwei Personen sorgeberechtigt sein“, erklärt König. Beide Eltern wollten jedoch auch die „zweite“ Mutter als gleichwertigen Elternteil mit im Boot haben. „Leider ging das nicht“, so König. „Die dritte Person im Bunde braucht für alles eine Vollmacht.“

Bei so vielen Köchen kommen natürlich auch unterschiedliche Erziehungsideen zum Vorschein. Die Eltern finden bei Erziehungskonflikten nicht immer einen Konsens – haben jedoch beschlossen, dass das gar nicht notwendig ist. „Wir tauschen Argumente aus, aber die Entscheidung, wie eine Sache dann gehandhabt wird, liegt bei jedem selbst. Das ist auch ein Vorteil für Lynn, weil sie drei Bezugspersonen hat, die alle unterschiedlich sind und sich so ein eigenes Bild machen kann.“

Auch die Distanzen zwischen den beiden Wohnsitzen sind auf Dauer anstrengend. Eine halbe Stunde mit der Straßenbahn leben die Eltern auseinander. Wenn diese Strecke nur überwunden werden muss, weil das Kind krank ist und die E-Card beim anderen Elternteil liegt, gehört das zu den mühsameren Aspekten der Familienkonstellation.

Beide Kinder genießen es aber, den Papa für sich alleine haben, wenn die Schwester bei ihrer jeweiligen Mutter ist. „Vor allem für Fritzi ist das wichtig, weil sie als die Ältere oft zurückstecken muss. Da ist es für sie toll, wenn ich mich ihr alleine widmen kann“, ist König überzeugt.

 

Buchtipp:
„Fritzi und ich: Von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein“
Jochen König
ISBN: 3451306794

 

Website von Jochen König

 

Manuela Hoflehner



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