Der Mythos vom „braven“ Baby

Mother and baby playing and smiling. Happy family.

Foto: Fotolia/Svetlana Fedoseeva

„Und, wie geht’s euch? Ist euer Baby eh brav?“ So beginnen viele Unterhaltungen mit Eltern von frisch gebackenen Babys. Bei Katharina Maderthaner von der Elternwerkstatt, selbst Mutter eines Säuglings, regt sich angesichts dieser Fragen Widerstand, denn: Kann ein Baby überhaupt „brav“ sein? Was steckt hinter der Vorstellung eines braven Babys? Mein Eindruck ist manchmal: Ein Baby, das den Großteil des Tages selbstgenügsam im Bettchen liegt und demütig wartet, bis jemand sich die Zeit nimmt, es zu füttern, zu kuscheln oder zu wickeln. Wenig Geschrei, durchschlafen und pflegeleicht sein. „Sich so verhaltend, wie es die Erwachsenen erwarten oder wünschen; gehorsam; artig“ – so wird „brav“ im Duden definiert. Das Etikett „brav“ ist eine Bewertung. So betrachtet und etwas überzeichnet ist es nicht schwer zu erkennen: „Brav sein“ kann man von Babys nicht erwarten. Ein Kategorienfehler. Was Baby braucht… Ein Neugeborenes will mit seinem Verhalten nicht gefallen, genauso wenig will es seine Eltern ärgern. Vielmehr handelt es mit dem Interesse, dass seine grundlegenden Bedürfnisse gestillt werden: Hunger, Wärme, Schutz, Nähe. Nach der himmlischen Zeit im Mama-Bauch – schwebend, warm, dauer-versorgt und ganz eins – zehren die neuen Empfindungen wie Hunger, Kälte, Alleinsein und Verdauung stark an dem neuen Erdenbürger. All die ungewohnten Eindrücke sind bestimmt oft beängsti-gend und von Mama oder Papa getragen, gewärmt und genährt zu werden ist der vertraute Anker. Nicola Schmidt beschreibt in ihrem Buch „Artgerecht“ einleuchtend, dass Babys sich konsequent so verhalten, dass sie überleben – fast so, als wären wir immer noch ein Clan Nomaden in der Steinzeit. Ein Baby, das sich problemlos schlafend ablegen lässt, hätte damals schlechte Überlebenschancen gehabt. Nur Körperkontakt garantiert, dass es nicht alleine zurückgelassen wird, wenn der Clan weiterzieht. Je jünger ein Kind ist, desto stärker sind solche evolutionären Überlebensprogramme aktiv. Auch die Fähigkeit, die Befriedigung eines Bedürfnisses aufzuschieben, entwickelt sich erst mit zu-nehmendem Alter. … und wie es dafür sorgt Schreien ist Babys stärkste Kommunikationsmöglichkeit und häufig erst das letzte Mittel, auf ein Be-dürfnis aufmerksam zu machen. Dem Schreien gehen schon andere Versuche voraus, sich mitzuteilen: unruhig sein, bestimmte Laute, Bewegungen und Mimik. Hat man seinen Neuankömmling etwas kennenlernen und beobachten können, ist man bald damit vertraut und kann auf Bedürfnisse ant-worten, bevor verzweifeltes Schreien entstehen muss. Doch auch, wenn das Baby gestillt, gewickelt und gehalten ist, kann es weinen. Manchmal fast untröstlich. Weinen dient dem Baby - neben der Aufforderung „Kümmere dich um mich!“ - auch zum Abbau von Spannungen. Unzählige Reize strömen auf ein Baby ein. In der sicheren Umarmung von Mama oder Papa verarbeitet es ein Überangebot an Reizen, seine Frustration oder Schreckmomente, indem es die Spannungen ausweint. Darf es das tun, stellt sich tiefe Entspannung ein – natürlich gilt, dass alle Grundbedürfnisse gestillt sind und das Baby dabei gehalten wird.

Katharina Maderthaner, MSc (Counseling) www.elternwerkstatt.at



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