Diese Woche sind mein jüngster Sohn und ich immer wieder durch unsere Stadt geschlendert. Die beiden Älteren nahmen an einer Waldwoche im Mühlviertel teil. In den letzten Wochen habe ich oft mit den Burschen das Land und den Wald aufgesucht. Diese Woche hatte ich Lust auf das Stadtwandeln. Frühmorgens sind wir losgezogen und ich habe es sogar zweimal geschafft, halbwegs entspannt eine Tasse Kaffee in einem Kaffeehaus zu genießen. Das war nicht immer so. Meine Burschen haben kein Sitzfleisch und der Besuch einer Gastwirtschaft endete gar zu oft mit einem vorzeitigen Rückzug.

Es war jedoch etwas Neues in den Begegnungen zu unserer Mitmenschen getreten. Unser Kleinster hat seit einigen Tagen begonnen, alle Menschen auf der Straße zu begrüßen. Mit einem fröhlichen “Hallo” lächelt er die Menschen auf der Straße an. Wird sein Willkommensgruß nicht beantwortet, wird der Gruß lautstark wiederholt. Nur ganz wenige Menschen haben nicht auf seine Kontaktaufnahme reagiert. Ich persönlich denke, dass diese Erheiterung unseres Alltags eine Phase sein wird, doch ich erlebe diese Tage als etwas ganz Besonderes in meinem Leben. Ich habe mit vielen Stadtmenschen durch meinen Sohn zu sprechen begonnen.

Sie reagieren auf den Gruß fast immer mit einem Lächeln. Mürrische Gesichter erhellen sich, der eilige Gang wird für Augenblicke verlangsamt, Augen beginnen zu leuchten. Das Wunder ist ja nicht mein Sohn. Mit seinem soeben gefeierten Start ins dritte Lebensjahr hat er einfach Spaß an den Reaktionen der Menschen. Dass sie liebevoll reagieren, wird ihn stärken. Das Wundersame ist die Beobachtung, wie sie sich von einem unverzweckten Gruß berühren lassen. Vielleicht gilt es in Zeiten einer zunehmenden Verängstlichung das Herz anderer Menschen mit einem freundlichen “Hallo” zu erhellen. Sein “Hallo” gilt allen: den MitarbeiterInnen der LINZ AG, allen Verkäuferinnen und Verkäufern, den Nachbarinnen und den Männern der Müllabfuhr, den MitarbeiterInnen einer Putzkolonne und den vielen Menschen in den Wartehäuschen dieser Stadt und auch jener Frau, die ihre ganze Habe in einem Einkaufswagen durch die Stadt schiebt. Sein fröhliches “Hallo” ist gegenwärtig auch mein “Hallo” geworden – mein kleiner Lehrmeister! Ich wünsche meinem Sohn, diese Momentbewegtheit auch weiterhin zu leben.

Der Mystiker Meister Eckhart: “Je weiser aber und mächtiger ein Meister ist, umso unmittelbarer geschieht auch sein Werk und um so einfacher ist es.”

 

Wolfgang Nell