Dürfen Kinder das A-Wort verwenden, wo doch Spitzenpolitiker Selbiges tun? Über ethische Ansprüche zu Hause und in der hohen Politik macht sich Wolfgang Nell in seinem neuesten Papa-Blog Gedanken.   

“Du bist ein Arsch!”, sagte einer meiner Söhne und fragte mich anschließend, ob er das ab jetzt einfach zu jedem sagen dürfe, wenn ihm danach sei. “Natürlich nicht!”, antwortete ich empört. “Super, der Bundeskanzler darf es sagen und ich nicht, …das kapier ich nicht”, jammerte mein Sohn.

“Nein, ein Spitzenpolitiker darf das auch nicht sagen. Das ist respektlos!”, antwortete ich verärgert. “Du kannst höchstens verärgert murmeln und raunend feststellen, dass sich jemand wie ein A verhält, aber niemals darfst du sagen, dass jemand ein A ist”, füge ich ergänzend hinzu.

“Aber Papa,… wenn’s der Kanzler darf …”

Mein Sohn weiß genau, wie er mich herausfordern kann. Aber er ist auch ein spitzfindiger und genauer Beobachter des politischen Geschehens. Eigentlich ist er stinksauer, weil er in diesen Tagen von einer Freundin von uns in den Nationalrat eingeladen worden wäre, um für die Schülerzeitung mit den Klub-Obleuten zu sprechen. Das Treffen wurde aus gegebenem Anlass verschoben und so hat er mit mir, der nach einer Knie-OP reichlich liegende Ruhe dafür gefunden hat, die sich überschlagenden Ereignisse der letzten Tage ausgiebig medial verfolgt.

Ich bin kein Politikwissenschaftler und Politikberater, aber ich habe die Schrift Politik von Aristoteles gelesen, um für mich einen Leitsatz zu entwickeln: Ich bedarf der Politik als politisches Wesen, um ein erfülltes und gutes Leben zu führen.

Gut in jenem antiken Sinn, dass ich mich selbst in meinem grundgelegten Potential entwickeln kann. Denn nur so kann ich alle anderen an meinem erfüllten Leben teilhaben lassen.

So werde ich als politisches Wesen, notwendigerweise dazu motiviert sein, die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben aller zu schaffen. Aristoteles sagt aber noch etwas zum Streben der Menschen, wenn sie politisch agieren.

Er stellt die Lehre einer Tugend der Mitte ins Zentrum seiner Ethiklehre: Das Vermeiden von Extremen ist die Suche nach der goldenen Mitte. Das Ideal der goldenen Mitte als statisches Moment wird es nicht geben, denn was könnte die Mitte zweier gegensätzlicher Empfindungen sein? 

Diese Suche, dieses innere Ringen und Streben nach der Goldenen Mitte ist in aller Dynamik eine Haltung, die ich als Mensch meinen Mit-Menschen gegenüber einnehme. Dieses Ringen wird darüber aussagen, wie ich mich letztendlich den Menschen, der Natur und letztendlich auch mir selbst gegenüber verhalte.

Natürlich. Das ist vielleicht ein zu theoretischer Ansatz. Aber. Ich muss täglich als Vater von drei Burschen eine Antwort auf die Frage geben, ob sie jetzt frei nach dem Gebrauch von SpitzenpolitikerInnen  mit dem Willen zur Macht diese Ethik der Goldenen Mitte über Bord werfen dürfen. Darf ich alle anderen mit erlaubten und unerlaubten Mitteln einfach in den Dreck ziehen, die mir auf meinem Weg zum großen Ziel im Weg stehen? Darf ich so extrem sein?

Nein! Nein!! Nein!!!

Denn. Menschen dürfen niemals zum Spielball anderer Menschen für ihre eigenen Interessen missbraucht werden. Das zerstört die Würde des Menschen. Wir sind einzigartig, wertvoll und unersetzlich auf dieser Erde.

Bitte. Diskutieren wir als politische Menschen mit allen Menschen auf Augenhöhe.

Das ist mühsam und besonders für alle politischen VertreterInnen des Volkes täglich eine Herausforderung. Aber eben diese Haltung der Wertschätzung, des Respekts und des Ausgleichs kann uns das Hören und Lesen respektloser Reden über andere ersparen. Und. Diese Haltung erspart uns Chatprotokolle von Menschen, die ihre innere Stimme: “Nein, das ist zu extrem!”, schon lange nicht mehr hören.

Wolfgang Nell (geb. 1970), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Pflichtschul-Alter, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.