Einmal durch den Müll getaucht

Am häufigsten landen Obst und Gemüse in der Tonne. "Mülltaucher" klappern nachts die Mülltonnen von Supermärkten ab und holen sich die Lebensmittel, die noch genießbar sind. (Foto: Die z’quetscht’n Zwetschk’n)

Jedes achte Lebensmittel landet in der Tonne. Vielen ist diese Verschwendung bewusst – und einige wollen sich damit auch nicht abfinden. Sie holen ihre Lebensmittel nach Ladenschluss aus den Mülltonnen der Supermarkt-Ketten.

 

Wenn die Mülltaucher ans Werk gehen, ist es draußen bereits dunkel und die Supermärkte haben geschlossen. Ausgerüstet mit Taschenlampen, Gummi-Handschuhen und Kisten für die Beute suchen sie die Mülltonnen der verschiedenen Nahversorger ab und holen sich alles heraus, was noch genießbar ist. Die Mengen an noch genießbaren Lebensmitteln, die sie dabei finden, sind beachtlich. Rech
net man alles zusammen, wirft eine Person pro Jahr rund 30 Kilogramm an Lebensmitteln weg – rund 300 Euro ist das Essen wert, das jeder Haushalt in den Müll wirft.

Um darauf aufmerksam zu machen und als Protestzeichen haben sich „Mülltaucher“ zusammengefunden. Sie sammeln den Abfall aus Supermärkten nicht nur für den eigenen Gebraucht. In öffentlichen Aktionen verkochen sie oft die „gedumpsterten“ Lebensmittel (engl. „dumpster dive“ = containern) und geben sie an die Bevölkerung weiter, um Bewusstsein zu bilden. Die Bewegung gibt es schon seit den Achtziger Jahren. In den letzten Jahren erhielt sie jedoch als eine Form der Konsum-Verweigerung neuen Aufschwung.

 

Fehlender Respekt vor Lebensmitteln

Den Grund für die zunehmende Verschwendung von Nahrung sehen die Mülltaucher in der heutigen Wegwerfgesellschaft. Während in älteren Generationen Lebensmittel noch respektiert wurden, ist es heutzutage die Regel, sie zu entsorgen, sobald sie nicht mehr appetitlich genug aussehen – oder auch, wenn man schlichtweg keinen „Gusta“ darauf hat. Die meisten dieser Lebensmittel gehören dabei noch gar nicht in die Mülltonne. So werden z.B. oft Milchprodukte weggeworfen, sobald das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Dieses garantiert aber lediglich, dass Geschmack, Geruch, Farbe, Konsistenz und Nährwert bis zu diesem Datum erhalten bleiben. Mit Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums ist ein Lebensmittel also nicht automatisch schlecht.

Da die meisten Menschen mittlerweile den direkten Bezug zu den Produkten, die sie kaufen, verloren haben, fällt das Wegwerfen leicht. Wir wissen nicht mehr, wie viel Arbeit und Ressourcen tatsächlich in den Dingen stecken, die wir kaufen und konsumieren. Wer weiß, wie lange der Käse, den man gerade weggeworfen hat, reifen musste? Und welche Zeit der Bergbauer investieren musste, bis er zu uns in den Laden kommen konnte?

 

Mülltauchen auf Sendung

Nach Müll getaucht wird mittlerweile in vielen Städten weltweit. Auch in Wien und Linz gibt es eine Dumpster-Szene. In Salzburg haben sich die dortigen Mülltaucher sogar soweit etabliert, dass sie in einem Kulturprojekt das Mülltauchen im Format einer Kochsendung salonfähig machen. Die Episoden von wastecooking.com zeigen zum einen, wie Mülltauchen funktioniert, bieten aber auch gleichzeitig gut verdauliche Hintergrundinformationen und berichten von den Aktionen, die nach dem Dumpstern stattfinden – angefangen bei öffentlichen Verkostungen bis hin zu Festival-Verpflegung.

 

Eingekochtes in Linz

In der Oberösterreichischen Hauptstadt haben sich die „Die z’quetscht’n Zwetschk’n“ mit ihrer Herangehensweise ans Mülltauchen einen Namen gemacht. Bei einem Spaziergang über den Linzer Südbahnhofmarkt sahen die Mitglieder der Gruppe, wie viele Lebensmittel dort weggeworfen wurden. Auf Nachfrage durften sie die Lebensmittel haben – und verkochten sie zu Marmeladen, Chutneys, Kompotten und weiteren Leckereien. Das kommt dann alles wieder zurück auf den Südbahnhofmarkt, wo die die „z’quetscht’n Zwetschk’n“ sich einen Stand mieten und die Gläser mit einer „Zahl-was-du-willst“-Praktik verkauft werden.

Dabei kommt die Gruppe oft mit den LinzerInnen ins Reden und sorgt dabei dafür, dass auf das Thema mehr Aufmerksamkeit gelenkt wird. Vielen ist z.B. nicht bewusst, dass sie für die weggeworfenen Lebensmittel im doppelten Sinn zahlen. Da KundInnen im Geschäft volle Regale erwarten, bestellt der Einzelhandel meist mehr Waren, als tatsächlich benötigt werden. Aufgrund dieser absichtlich geplanten Überproduktion und der Vernichtungskosten steigt der Preis um etwa 20 Prozent. Und mit jedem Kilogramm Äpfel werfen wir auch 700 Liter Wasser weg, die zur Produktion nötig waren.

 

Rechtliche Grauzone

In vielen Ländern ist das Mülltauchen illegal. Auch in Deutschland gilt das Einsammeln von Abfall aus Supermarkt-Tonnen als Diebstahl. In Österreich gilt Müll als „herrenloses Gut“. Es gilt allerdings als Besitzstörung, wenn ein Supermarktgelände nach Ladenschluss betreten wird. Die Mülltaucher bewegen sich also immer in einer rechtlichen Grauzone. Abhalten lassen sie sich davon jedoch noch lange nicht. 

 

Weitere Infos:

Die z’quetscht’n Zwetschk’n in Linz

Wastecooking in Salzburg

Allgemeine Infos über Mülltauchen

Wie du Lebensmittel-Verschwendung vermeiden kannst



2 Antworten auf Einmal durch den Müll getaucht

  1. franz sagt:

    hallo
    sind die mülltonnen nicht eingesperrt , wie kommt man zu den tonnen

    • gruenschnabel sagt:

      Hallo Franz,
      ja du hast Recht, Mülltonnen sind sehr oft versperrt aber nicht immer. Der Grund für Versperrenist vor allem in unserer “Hoch zivilisierten” Gesellschaft zu suchen. Die Firmen wollen sich vor Schadenersatzansprüchen schützen. Es gibt aber mittel und Wege, diese Hindernisse zu umgeben, professionelle MülltaucherInnen (sehr oft aus dem StudentInnenmilieu) wissen darüber Bescheid.
      Du wirst aber hoffentlich verstehen, dass wir hier keine Tipps veröffentlichen möchten, die am Rade der Legalität stehen.
      Wie bereits erwähnt, gibt es aber auch Tonnen, die nicht versperrt sind.
      Dein Grünschnabel Team

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *