„Geld schafft eine Kluft zwischen den Menschen“

Unentgeltliche Hilfe lässt Verbundenheit zwischen den Menschen entstehen. Geld schafft eine Kluft, ist Raphael Fellmer überzeugt, der seit vier Jahren ohne Geld sein Leben in Berlin bestreitet.

Raphael Fellmer mit Familie

Bild: Raphael Fellmer

Freiheit und Verbundenheit hält Raphael Fellmer für die großen Vorteile eines geldfreien Lebens. Raphael Fellmer im Grünschnabel-Interview:  

Welche Vorteile bringt das geldfreie Leben für dich und deine Familie?
Den größten Vorteil für mich selbst sehe ich darin, die Freiheit zu haben, arbeitsfrei zu sein. Ich kann mich mit den Dingen beschäftigen, die mir wirklich am Herzen liegen und muss mich nicht mit etwas herumschlagen, nur weil es Geld bringt. Ich kann mich in der Sache engagieren, in meinem Fall Lebensmittel retten, in der ich meine Berufung sehe und glaube, dass es sich dabei um einen sinnvollen Beitrag zum Wohle der Gesellschaft handelt. Ich strebe nach einem ganzheitlichen Zufriedensein mit dem Dasein auf Erden und versuche, dabei so wenig Schaden für Natur und Umwelt zu verursachen, wie nur möglich.

Früher kaufte ich auch ständig und hatte dabei ein schlechtes Gewissen. Es geht mir jetzt viel besser, weil ich mit Geld nichts mehr zu tun habe. Viele Familien sind hoch verschuldet und schleppen eine große Last mit sich herum, viele fühlen sich als Gefangene des monetären Systems. In meiner eigenen Familie gibt es keine Diskussionen über Geld, keine Steuererklärungen, keine Rechnungen. Wir sind bescheiden und mit weniger als mehr zufrieden. Als Vorteil sehe ich auch, dass wir als Familie fast immer zusammen sind, wir essen drei Mal täglich zusammen.

Du arbeitest ja von zu Hause aus an den Lebensmittel-Rettungs-Plattformen www.lebensmittelretten.de.
Der Ausdruck „arbeiten“ passt hier nicht ganz. Ich nenne es lieber Einsatz oder Engagement. Ich darf mich zum Wohle der Erde einsetzen.

Welche Nachteile bringt das geldfreie Leben für dich?
Manchmal bekommt man beim Lebensmittelretten nicht genau das, was man will oder braucht, aber dafür ist alles frisch an Obst und Gemüse.

Stichwort Vorsorge: Hast du für den Krankheitsfall vorgesorgt oder wie wirst du dich im Alter versorgen?
Meine Partnerin Nieves benutzt noch Geld, sie bekommt das Kindergeld auf ein Ökokonto und davon wird eine Krankenversicherung bezahlt für uns drei. Ich benutze sie aber derzeit nicht. Wenn ich krank bin, dann nehme ich mich einige Tag raus, schlafe und trinke viel Wasser und dann geht’s wieder.

Ich halte Altersvorsorge nach dem Rentensystem für einen Irrglauben. Wer glaubt, dass er in 30, 40 oder 50 Jahren noch eine Pension bekommen wird, hat unser Wirtschaftssystem nicht verstanden. Denn wie soll das denn funktionieren bei immer weniger Menschen, die einzahlen und immer mehr, die davon eine Rente beziehen möchten. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unser Wirtschaftssystem die nächsten Jahrzehnte nicht überstehen wird. Denn unendliches Wachstum kann auf einem Planeten mit endlichen natürlichen Ressourcen nicht auf Dauer funktionieren.

Bedeutet geldfrei Leben für dich in irgendeiner Form Verzicht?
Ich verzichte auf viel Unnötiges. Ich fühle mich wohler dabei, mich vegan, also pflanzlich zu ernähren und auf Geld nicht mehr angewiesen zu sein. Das einzige, worauf ich verzichte, ist meine Privatsphäre. Diese stelle ich der Öffentlichkeit zur Verfügung, mit meinem Buch, den Interviews und Medienauftritten. 

Dein Buch wird in Internetforen auch heftig kritisiert. Was hältst du deinen Kritikern entgegen, die dir etwa vorhalten, vom Geld anderer zu leben, Infrastruktur zu nutzen, die von Steuergeldern bezahlt wurde?
Wenn ich eine Autobahn benutze, dann ist die letztendlich aus natürlichen Ressourcen wie Schotter, Sand etc. gebaut. Es zahlt also auch die Natur dafür. Ich sehe mich als Teil des Systems Natur. Ich nehme teil an der Gesellschaft und versuche, meinen Beitrag zu leisten. Wenn ich die Autobahn nutze, dann versuche ich, sie zumindest in Form von nachhaltigen Fahrgemeinschaften zu nutzen und somit den Schaden zu minimieren. Was die teils heftige Kritik an meinem Buch anbelangt: Bei vielen Kritikern habe ich das Gefühl, sie haben das Buch nicht wirklich gelesen. Andererseits: Neid ist die größte Form der Anerkennung.

Etwas provokant formuliert: Bist du ein Schnorrer?
Wir sind alle Schmarotzer, wir leben in einer parasitären Gesellschaft, die sich ohne Rücksicht auf Verluste an der Natur bedient. Ich betrachte mich als kleineren Schnorrer als das gros der Gesellschaft. Ich bettle niemanden an, wir wohnen momentan bei zwei Ärzten, die an uns herangetreten sind, bei ihnen einzuziehen. Es gibt bereits rund 3000 Menschen in Deutschland, die Lebensmittel retten, die ohnedies weggeschmissen werden würden.

Wie unterscheidet sich die Kommunikation, Interaktion, wenn kein Geld involviert ist, von Geschäften, wo Geld gegen Waren oder Dienstleistung getauscht wird?
Vor meiner Reise war mein Plan nicht, geldfrei zu leben. Die Herzlichkeit der Menschen, die uns entgegengebracht wurde, weil wir kein Geld hatten, war es, die mich erst zum Nachdenken anregte. Sie hat mich zum geldfreien Leben bewogen. Ich glaube, dass Geld eine Kluft zwischen den Menschen schafft.

Ein Beispiel: Das ist jedem von uns schon mal passiert: Man verliert etwas auf der Straße und ein Passant hebt es auf, läuft einem nach und gibt es zurück. Einfach so. Ohne etwas dafür zu erwarten. Das ist doch das Schönste, was passieren kann. Und dabei entsteht eine Art Verbundenheit. Empfangen und erwidern, Geschenke annehmen fällt uns heute sehr schwer. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es üblich ist, für eine Ware, Dienstleistung zu bezahlen – und damit hab ich nichts mehr mit dem Anderen zu tun. Unentgeltliche Hilfe dagegen lässt eine Verbundenheit entstehen.

Das Geld hat sich zwischen die Menschen gestellt. Doch es gehört zum Kern der menschlichen Natur, altruistisch, hilfsbereit zu sein, Vertrauen zu haben, zu teilen. Viele von uns haben das Fragen, das Bitten um einen Gefallen verlernt.

Wir alle sind Teil eines Systems und wir hängen alle mit drin. Da kann man nicht nur einem den Schwarzen Peter zuschieben: Ist nun Shell, der Mineralölhandel oder der Autofahrer der Böse? Nein, wir alle sind es und somit kann jeder von uns etwas an dem System ändern.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, um ohne Geld zu leben. Welche Eigenschaften sollten Menschen unbedingt mitbringen, die das auch versuchen möchten?
Ich möchte ihnen Mut machen, auf ihr Herz zu hören. Mit meinem Lebensentwurf geht es mir aber nicht so sehr darum, möglichst viele andere dazu anzuregen, es mir gleich zu tun. Ich will vielmehr ein Zeichen setzen gegen das immer mehr und immer schneller. Ich möchte Bewusstsein anregen gegen die Umweltzerstörung, die Lebensmittelverschwendung, den Konsumzwang, gegen das derzeitige monetäre System, den Kapitalismus und das auf Wachstum basierende Wirtschaftssystem – und dafür, dass Geld nicht das A und O unseres Lebens ist. 

Mehr zu Raphaels „Leben ohne Geld“ hier auf diesem Video.

Unseren Buchtipp “Glücklich ohne Geld” findest du hier.

Maria Zamut



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