Kinder mit AD/HS: Am wichtigsten sind viel Lob eine gute Struktur

Verena Pührer

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Verena Pührer ist Klinische und Gesundheitspsychologin im Ambulatorium St. Isidor. Hier werden Kinder mit AD/HS und deren Eltern durch Diagnoseverfahren, Beratung und therapeutische Begleitung unterstützt. Im Grünschnabel-Interview spricht sie über den Unterschied zwischen ADHS und ADS und die Fähigkeiten und Talente der betroffenen Kindern. Und sie gibt lebensnahe Tipps für Erziehung und Schule.

Grünschnabel: Frau Pührer, was unterscheidet ein Kind mit AD/HS von einem ganz “normalen”, aufgeweckten Kind mit gesundem Bewegungsdrang?
Generell kann man sagen, dass Kinder mit AD/HS im Vergleich mit Gleichaltrigen ohne AD/HS ein deutlich gesteigertes Bewegungsbedürfnis und auch ein erheblich höheres Bedürfnis nach Aufmerksamkeit haben. Außerdem sind sie leichter ablenkbar, können Dinge nicht zu Ende bringen, handeln impulsiver, sind „chaotischer“ und vergesslicher, und haben mehr Schwierigkeiten, sich an Regeln zu halten. 
Der Anlass für eine diagnostische Abklärung ist meist der Leidensdruck der Eltern, der Familie, des Umfeldes. Eine Abklärung ist dann sinnvoll, wenn das Gefühl auftaucht, das etwas nicht stimmt, dass die Sozialkontakte des Kindes nicht recht passen, das Kind sich im Vergleich mit seinen KlassenkollegInnen nicht ausreichend konzentrieren kann oder die schulischen Leistungen trotz guter intellektueller Ressourcen schlechter werden. 

Leicht abzulenken: Kinder mit AD/HS

Bild: somenski/Fotolia.com

Was ist der Unterschied zwischen ADHS und ADS?
“ADS” bedeutet Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, und das gibt es mit oder ohne Hyperaktivität. Dafür steht das H, es bezeichnet also ein gesteigertes Bewegungsverhalten, aber auch ein enormes Redebedürfnis. Das kann ein Teil der Störung sein, muss aber nicht. Kinder mit ADS sind motorisch ruhiger, aber vom Aufmerksamkeitsdefizit genauso betroffen. Sie neigen zum Träumen, sind gedanklich abwesend und können sich schlecht konzentrieren. Im Kindergarten und in der Schule fallen sie oft lange nicht auf. Erst wenn die schulischen Leistungen nicht passen, werden Eltern oder LehrerInnen darauf aufmerksam. 

Oft hört man, dass die Zahl der AD/HS-Fälle rasant zunimmt. Deckt sich das mit Ihrer Erfahrung?
Das ist eine viel diskutierte Frage. Meiner Einschätzung nach nehmen die Fälle in der heutigen Zeit nicht zu. Diese Wahrnehmung hat vermutlich eher damit zu tun, dass sich die Diagnose- und Erkennungsmöglichkeiten immer weiter verbessern. Früher wusste man noch weit nicht so viel über AD/HS wie heute, und vor 20, 30 Jahren wurden Kinder mit dieser Problematik einfach nicht als solche erkannt. Sie wurden aus dieser Unkenntnis heraus mit dem schrecklichen Etikett “schwer erziehbar” versehen.

AD/HS ist auch so etwas wie ein “Modewort”. Wird nicht schnell einmal ein unruhiges oder unaufmerksames Kind so bezeichnet? Und ist es nicht auch eine Art Stigmatisierung, die ein Kind nie wieder los wird?
Ja, das begegnet mir in meiner Arbeit häufig, dass Kinder schnell als “ADHS-Kinder” bezeichnet werden. Man sucht verständlicherweise nach Erklärungen für rätselhafte und auffällige Verhaltensweisen. Mit der sehr umfangreichen multiprofessionellen Differentialdiagnostik kann jedoch sehr genau untersucht werden, was die Ursache für dieses Verhalten ist. Oft hat es ganz andere Gründe als AD/HS. Wichtig ist mir zu betonen: AD/HS ist weder ein „Erziehungsproblem“ noch Absicht oder gar „Boshaftigkeit“ der betroffenen Kinder! Die Diagnose AD/HS kann auch eine Chance bedeuten, weil dadurch die beobachteten Probleme einen „Namen“ bekommen, somit erklärbar sind und verständlich werden – das schafft Erleichterung, weil nun die Ursache bekannt ist. 

Viele Eltern haben Angst davor, dass sie ihren Kindern Medikamente geben müssen – Stichwort Ritalin.
Grundsätzlich erfolgt die medikamentöse Einstellung durch den Arzt, letztlich ist es aber immer eine Entscheidung der Eltern. Unsere Aufgabe ist zu beraten. Bei leichter ausgeprägten Symptomen sind oft verhaltenstherapeutische Maßnahmen und eine konsequente Außensteuerung durch Strukturgebung ausreichend. Wenn das Aufmerksamkeitsdefizit allerdings stark ausgeprägt ist, können verhaltenstherapeutische Maßnahmen alleine nicht greifen. In diesen Fällen raten wir zur Gabe von Medikamenten.

Wichtig ist zu wissen, dass sich durch eine medikamentöse Therapie nicht alle Probleme von selbst lösen. Nur in Kombination mit pädagogisch-psychologischen Hilfestellungen kann sie erfolgreich sein. Verhaltens- bzw. Psychotherapie und erzieherische Maßnahmen sind trotzdem notwendig, können aber besser greifen, weil durch die Medikamente ein gutes Aufmerksamkeitsniveau dafür da ist. 

Hier findest du detaillierte Infos über medikamentöse Therapien gegen AD/HS. 

Können Sie aus Ihrer Berufserfahrung als Psychologin die wichtigsten Tipps für Eltern von Kindern mit AD/HS zusammenfassen?
Eltern und andere Angehörige sollten sich nicht davor scheuen, bei Unsicherheiten oder Fragen fachlichen Rat einzuholen. Hier im Ambulatorium von St. Isidor bieten wir Elternberatung an. Gemeinsam werden pädagogisch-psychologische Hilfestellungen erarbeitet, die auf die individuelle Situation abgestimmt sind. Das ist natürlich ein längerer Prozess.

Ein paar allgemeine Ratschläge für Eltern gibt es jedoch: 

  • Am wichtigsten: viel Lob, auch für erfolgreiche „Kleinigkeiten“! Auch das Bemühen des Kindes anerkennen (natürlich nicht-materiell) und den eigenen Fokus auf die Stärken des Kindes lenken.
  • Wichtig ist auch eine gute Struktur, eine schrittweise Außensteuerung. Ein gleichbleibendes und konsequent eingehaltenes Regelsystem gibt dem Kind Sicherheit.
  • Für schulische und andere Aufgaben sollte eine Arbeitsatmosphäre mit möglichst wenig Ablenkungen geschaffen werden. Radio und Fernseher, die nebenbei laufen, oder ein chaotischer Arbeitsplatz sind denkbar ungünstig.
  • Hilfreich ist ein guter Kontakt mit der Lehrkraft, damit auch diese das Kind unterstützen kann. Optimal sind ein Sitzplatz in der ersten Reihe, und ein geeigneter Sitznachbar, damit möglichst wenig Ablenkung passiert.

Wächst sich AD/HS mit zunehmendem Alter aus?
Grundsätzlich verschwindet AD/HS nicht plötzlich. Aber die Möglichkeiten, gut damit umzugehen, werden mehr. Wenn von außen eine gute Struktur vorgegeben wird, lernen die Kinder das und es gelingt ihnen als Jugendliche und im Erwachsenenalter besser, sich selbst Strukturen zu schaffen.

Es ist wichtig, nicht aus den Augen zu verlieren, dass Kinder mit AD/HS viele Talente, Begabungen und Fähigkeiten haben. Viele von ihnen sind später in kreativen oder freischaffenden Berufen tätig, da gibt es kaum Schwierigkeiten. Wenn die Lehr- und Lerninhalte den Talenten entsprechen, fällt ihnen auch das Lernen leichter, die entsprechende Motivation ist vorhanden, es stellen sich schulische Erfolge ein und sie können eine erfolgreiche Berufslaufbahn nehmen. Übrigens gibt es viele berühmte Personen, in deren Biografie es aus heutiger Sicht Hinweise auf AD/HS gibt: Albert Einstein, Thomas Edison, Mozart,… 

Grünschnabel: Danke für das Gespräch!

Zur Person:

Verena Pührer ist Klinische und Gesundheitspsychologin sowie Lehrwart für Voltigieren und SAFE® Mentorin. 

Außer im Ambulatorium St. Isidor ist sie auch bei „Steckenpferd – Das Reittherapiezentrum in Oberösterreich“ tätig.

 

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