Wenn der Jakobsweg ruft

„Gehen bedeutet, ganz im Jetzt zu sein“

Gerda A. (49) war Nicht-Geherin, bevor sie sich auf zum Jakobsweg in Spanien machte – und zu Fuß 600 Kilometer zurücklegte. Ein Gespräch über die Faszination des Weitwanderns. 

Gerda am Jakobsweg

Gerda A. am Jakobsweg

Gerda: “Der Jakobsweg hat mich gerufen. Ich hatte einen unheimlich starken Zug hin, ich wusste nicht, warum. Ich habe meinen Verstand ausgeschaltet – und bin diesem Drang gefolgt.”

Grünschnabel: Was bedeutet Gehen für dich?

Gerda: “Gehen heißt für mich, ganz im Jetzt zu sein. Du denkst während des Wanderns nur an das, was gerade ist und maximal einen Tag nach vor, aber nicht weiter. Du nimmst alles hin wie es ist und vertraust darauf, dass es so ist, wie es sein soll.”

Grünschnabel: Was ist für dich das Besondere am Weitwandern?

Gerda: “Das Gehen macht dich viel achtsamer als sonst. Du folgst dem gelben Wegpfeil. Die Schnecke, das Symbol meines Jakobswegs, zeigt es vor: Du fokussierst dich auf die Mitte und bringst es auf den Punkt. Die Gemeinschaft mit anderen, Gleichgesinnten, ist auch wichtig am Weg. Das gemeinsame Leiden beispielsweise: Nach dem Abendessen kann man kaum Aufstehen, weil die Beine so schmerzen. Doch am nächsten Morgen marschiert ein Jeder los und legt wieder 20 Kilometer zurück. Jeder in seinem Tempo.”

Grünschnabel: Wie hat sich das Gehen auf die Wahrnehmung ausgewirkt?

Gerda: “Das hat auch viel mit der Mystik des Jakobswegs zu tun. Es dauert ein wenig, bis man in einen ganz neuen Zustand der Achtsamkeit kommt, merkt, dass die Natur, die Landschaft etwas mit dir zu tun hat. Man wird offener beim Gehen. Man kann oft gar nicht fassen, was man sieht, so beeindruckend ist es. Oft wechselt es zwischen Aufmerksamkeit für die Schönheit der Landschaft und Ignorieren des körperlichen Leidens. Denn man hat keine Wahl. Wenn man irgendwo in der Einöde ist, dann muss man weitergehen bis zur nächsten Herberge – und wenn die Füße noch so wehtun. Das wird nicht in Frage gestellt.”

Grünschnabel: Was nimmst du vom Jakobsweg mit in deinen Alltag?

Gerda: “Ein neues Vertrauen ins Leben. Ich habe eine Art Lebensbilanz gezogen am Weg, Dinge aufgearbeitet, Ballast abgeworfen. Ich hoffe, dass ich die Ruhe und dieses unglaubliche Friedensgefühl, das sich in mir breit gemacht hat, nie wieder verliere. Es hat häufig geregnet und es war oft nicht lustig. Dennoch habe ich die 600 Kilometer bis zum Meer geschafft. Das Gefühl, das gemeistert zu haben, gibt mir Energie und Kraft, ein neues Vertrauen in meinen Körper – auch ein gewisses Vertrauen ins Größere. Und die Gewissheit: Sich in Bewegung zu setzen, verändert alles.”

Maria Zamut



Eine Antwort auf Wenn der Jakobsweg ruft

  1. Bernard sagt:

    Vielen, vielen Dank für dieses Resumée. Ich kann das, was Gerda sagte, nur aus vollem Herzen unterstreichen – ging es mir doch genauso!
    Boun Camino und Ultreiia!.
    Bernard

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