Buchtipp: Apartheid von innen gesehen

„Der Sandengel“, ein Roman für LeserInnen ab 11 Jahren von Lizzy Hollatko – ein sehr persönlicher, authentischer Blick auf Südafrika in den 80ern.

 

Buchcover: Jungbrunnen Wien

Widmung:

Für meine Mutter,

die von uns verlangte,

dass wir einander aufhalfen,

wenn eine von uns hinfiel.

 

Für meine Schwestern,

die klug genug waren,

und Herz genug hatten,

dies auch immer zu befolgen.

 

 

Die Geschichte um vier Mädchen und ihre mutige Mutter erzählt lebensnah vom Alltag zu Beginn der 80er-Jahre in diesem himmelschreiend ungerechten Staatenmodell. Vom „Zusammenleben“ von Schwarz und Weiß, wo zwischenmenschliche Freundlichkeit und Solidarität schnell an Grenzen stießen.

Nelson Mandelas Tod am 5. Dezember des vergangenen Jahres und die darauf folgende Würdigung seiner Verdienste um sein Heimatland haben den Fokus der Weltöffentlichkeit auf die Geschichte Südafrikas gelenkt. Doch wie das Leben für weiße Kinder ausgesehen haben muss, in unmittelbarer Nachbarschaft mit der per Gesetz degradierten schwarzen Bevölkerung, das mag man sich nur schwer vorstellen: die Weißen als Herren, die Schwarzen als Dienstboten/Hausmädchen/Gärtner, die täglich mit dem Zug von der Stadt in die Homelands pendelten – vorbei an den Sozialbauten der Weißen, die kaum besser gestellt waren als sie selbst.

 

Schwesterngeschichte

Mit Rut, Liv, Fee und Emma gelingt es uns, eine Sichtweise von innen einzunehmen: Wie unterprivilegierte weiße Kinder, die sich aufgrund ihrer Lebenssituation den Schwarzen näher fühlten als den Weißen, solidarisch dachten und intuitiv eindeutig klar erkannten, wie absurd eine Unterscheidung nach Hautfarbe ist, auch wenn der Rest ihrer weißen Umgebung dies als gottgegeben hinnahm.

 

Starke, unabhängige Mutterfigur

Die Österreicherin Lizzy Hollatko wurde 1971 in Südafrika geboren und ist in Österreich und Südafrika aufgewachsen. In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte ihrer Kindheit, schildert das Alltagsleben im System der Apartheid in vielen Episoden und kleinen Erlebnissen. Mutter Alva zieht die vier Töchter alleine groß, der Vater ist vor Jahren ums Leben gekommen. Als Kunstmalerin gelingt ihr das einigermaßen. Die Familie lebt in einer Siedlung aus Backsteinhäusern, entlang einer staubigen Sandstraße am Rande einer großen Stadt. Rut und ihre Schwestern sind wiederholt mit Erfolg unterwegs, die Bilder der Mutter im Villenviertel, in den Häusern der besser gestellten Familien anzubieten. Der Frauenhaushalt kommt damit gerade über die Runden. Unkonventionell und im Rahmen des Möglichen vermittelt Alva den Mädchen Gerechtigkeitssinn und Hilfsbereitschaft. Das herrschende Gesellschaftssystem und die Werthaltung der Mutter klaffen natürlich weit auseinander. Unausgesprochenes sorgt für Irritationen und gibt den Kindern Rätsel auf. Zivilcourage und Risikobereitschaft, Loyalität und Freundschaft helfen ihnen letztendlich, eine aufrechte innere Haltung zu bewahren.

 

Viele Fußnoten mit Hinweisen auf originalsprachliche Textstücke und landesübliche Besonderheiten bereichern den Roman und sorgen dadurch zusätzlich für eine wertvollen Ergänzung der Fakten, die sich in jedem Geschichtsbuch finden.

„Der Sandengel“ von Lizzy Hollatko wurde mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien 2014 ausgezeichnet.

 

Lizzy Hollatko: Der Sandengel. Ab 11 Jahren, Jungbrunnen Wien 2014 978-3-7026-5860-1, 14,90 Euro

 

Veronika Mayer-Miedl



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