- Grünschnabel - http://www.gruenschnabel.at -

Über das Scheitern #1

„Papa, musst du denn wirklich so viele in Plastik verpackte Lebensmittel kaufen?“ Über das Wissen über das plastikfreie Sollen und das Unvermögen des Könnens schreibt Wolfgang Nell in seinem neuen Papa-Blog. "Du kannst doch nicht immer allen Menschen alles von uns erzählen?", ermahne ich einen meiner Söhne. "Warum denn nicht?", höre ich ihn antworten. In seiner Stimme erahne ich Schwingungen aufkeimender Empörung. Warum eigentlich nicht? Es ist doch nichts dabei, wenn mein Sohn im Schwimmbad der Mutter seines Freundes munter und fröhlich erzählt, dass ich vor einigen Tagen seine Erwartungen an mich nicht erfüllt habe. Mein Sohn sagt immer die Wahrheit. Er spricht allzeit und überall die Dinge so aus, wie sie sind. Sein Anspruch bringt mich ab und zu in schwierige Situationen: An der Kassa eines Supermarktes, die Waren werden von einer Mitarbeiterin über den Scan geschoben, spüre ich hinter meinem Rücken das aufkeimende Unbehagen meines Sohnes. Ich nehme meine Bankomatkarte, halte sie auf den kleinen Bildschirm und genau im Augenblick der Eingabe meines Pins höre ich meinen Sohn vorwurfsvoll sagen: "Muss das sein? Das ist doch alles in Plastik eingepackt. Ich habe immer geglaubt, du willst etwas für das Klima tun. Warum sind die Frankfurter in Plastik eingewickelt? Warum hast du die Milch nicht in der Glasflasche genommen?" Ich blicke meinen Sohn an. Die Mitarbeiterin an der Kassa blickt meinen Sohn an. Die Kunden hinter mir blicken meinen Sohn an. "Lass uns bitte auf dem Heimweg darüber sprechen", bitte ich meinen Sohn und widme mich wieder der Eingabe des vierstelligen Zahlencodes, als er mich noch einmal auffordert: "Ehrlich, Papa… müssen wir das alles jetzt unbedingt kaufen? Das ist doch viel zu viel Plastik! Komm, wir bringen die Sachen zurück!" Der freundliche Blick der Verkäuferin beginnt sich langsam zu trüben, die Schlange der Menschen am Förderband wird länger. Mit einem kurzen Griff an einem Knopf bittet sie ihre Kollegin, eine weitere Kassa zu öffnen. Ich bin verärgert. Ich kenne meinen Sohn. Er wird mir jetzt keine Ruhe mehr lassen. In seinen Augen handle ich falsch. Das größte Problem ist, dass er recht hat. Ich sollte die Frankfurter und das in Plastik verschweißte Toastbrot und die beiden Packungen Joghurt und ... sofort zurück bringen. Ich drehe mich aber von meinem Sohn weg und beginne die Zahlen einzutippen. Ich habe den Code vergessen. Blackout? Zahlensturz? Stress? Was soll ich tun? Die Verkäuferin runzelt bereits verärgert die Stirn. Mein Sohn blickt mich vorwurfsvoll an. Die Dame hinter mir lächelt. Sie ist sichtlich vom Engagement meines Sohnes beeindruckt. Soll ich das Plastik mit den Lebensmitteln zurücktragen und somit auf die Worte meines Kindes achten oder doch einen allerletzten Versuch starten, um die richtige Zahlenkombination zu tippen? Ich tippe die richtigen Zahlen. Stumm reicht mir die Verkäuferin den Rechnungsbeleg. Ich packe die Lebensmittel in meine Tasche und eile aus dem Supermarkt. Hinter mir trabt traurig und verwirrt mein Sohn. Ich spüre auch die vorwurfsvollen Blicke der Dame. Im Schwimmbad entschuldige ich mich noch einmal bei meinem Kind. Die Mutter des Freundes darf davon hören, dass ich im Supermarkt falsch gehandelt habe. Trotz redlichen Bemühens bin ich kein Klimaschutz-Superstar. Ich habe bis jetzt immer wieder, vor allem wenn es schnell gehen muss, in Plastik eingeschweißte Frankfurter gekauft und beneide jene Menschen, denen das Vermeiden von Plastik so gut gelingt. Ich bezweifle, dass ich schon so weit bin, die Wahrheit stets in konsequentes und klimaschützendes Handeln zu verwandeln. Aber ich lernen jeden Tag mehr und mehr, mehr auf meine Söhne zu hören. Ich werde meine Gewohnheiten ändern. Wolfgang Nell (47), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 6, 9 und 12 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.