Tragik und Hoffnung

Foto: Fotolia/eyetronic

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Wie in der Familie von Wolfgang Nell der Freitod eines elfjährigen Flüchtlingskindes verarbeitet wird. Mein Sohn hat vor zwei Tagen große Ohren bekommen, als die Nachrichtensprecherin vom Tod eines Elfjährigen berichtete. Das fatale Wort Suizid wurde in eine düstere Erzählung von Migration, Unterstützungsbedarf und Überforderung eines Bruders gegossen. Suizid. 11 Jahre. Zuerst hat mein Sohn gebeten, das Radio ausschalten zu dürfen: Attentat. Misshandelte Frauen, Simbabwe. Dann ist er stumm geworden...mein Sohn, der gewöhnlich für alles Worte findet. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Die Nachrichtensendungen sind gegenwärtig zu brutal: Hören sollte er sie nur in Begleitung eines Erwachsenen, der sich zur Aufarbeitung des Gehörten bereit erklärt. Mein Sohn nimmt sich ein Asterix-Heft. Er verschwindet in sein Zimmer und versinkt in die Welt der Gallier. Ich werde hier für sein Schweigen Worte finden und unser Empören ausdrücken: Wir wollen diese Welt der Gewalt nicht und wir dulden keine Gesellschaft, die es zulässt, dass ein Kind den eigenen Tod als Konsequenz für ein nicht zu ertragendes Leben wählt. "Zu wählen" ...welch höhnisches Wort für diese unerträgliche Tragödie inmitten unserer Konsumgesellschaft. Wenige halten ihr vorweihnachtliches Treiben ein, um aus der notgegebenen Stille für ein totes Kind ein lautes Klagen anzustimmen. In wenigen Tagen feiern wir singend unter den mit Honigwachskerzen geschmückten Nordmanntannen, inmitten von fein geschmückten Geschenken, die Geburt eines Kindes. In diesen Tagen höre ich höchstens ein verlegenes Murmeln, ...dann waschen alle Verantwortlichen ihre Hände im Wasser der Unschuld. Wann ertönt der Aufschrei der Gesellschaft gegen das Elend eines Kindes, dessen Leben jenen Wert verloren hat, sich selbst erleben zu wollen? Natürlich können wir sagen, es war nicht unser Kind, es war ein fremdes Kind. Es war ein anderes Kind. Es war ein geduldetes Kind. Faktum bleibt, dieses Kind hat uns nicht überlebt. Kann man hier in Österreich ohne Eltern und als Fremder in Not nicht überleben? Ist die wahlgewinnende Überhöhung des heimatlichen Wir-Gejammere so weit fortgeschritten, dass es die ersten Todesopfer gibt? Wie erkläre ich das meinem Sohn? Natürlich werde ich mit ihm reden. Natürlich mute ich ihm ein Gespräch darüber zu, dass ein Kind aus Verzweiflung einen Suizid begangen hat. Aber inmitten dieser Tragik müssen wir auch von der Hoffnung sprechen: So etwas darf einfach nicht passieren. Der Mensch bleibt Mensch und das Kind bleibt Kind. Es gibt keine fremden Menschen. Es gibt nur Menschen. Es gibt keine fremden Kinder. Es gibt nur Kinder. Auch wenn diese Vorstellung der Mitmenschlichkeit nicht in das enge Weltbild angsterfüllter Menschen hineinpasst. Vielleicht muss ich aber gar nicht mit meinem Sohn über den Suizid sprechen. Oft habe ich das Gefühl, dass er von dieser Welt eine Ahnung hat und dass es not-wendend sein kann, gemeinsam die Geschichte eines verzweifelten und elfjährigen Kindes einfach immer wieder zu erzählen. Wolfgang Nell (45), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 4, 7 und 10 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.  


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