So wird Natur vom Ich zum Es

Foto: Fotolia/Vojtech Herout

Foto: Fotolia/Vojtech Herout

Für kleine Kinder ist der Wald noch kein ES, er ist ein DU, wie das ICH. Ein totes Eichhörnchen lässt Wolfgang Nell in seinem neuen Papa-Blog darüber nachdenken, wie Eltern durch ihre Vorsicht den Kindern den direkten Bezug zur Natur aberziehen.   Wir haben im vorigen Sommer im Wald ein totes Eichhörnchen gefunden. Bunte Käfer wühlten sich durch das zersetzende Fell und einer meiner Söhne stellte die Frage: „Löst sich das Eichhörnchen auf?“ Sie hockten voller Neugierde um das verendete Tier und zählten die Anzahl der kleinen Tierchen, die sich auf, im und um das tote Eichhörnchen bewegten. „Das Eichhörnchen löst sich nicht auf, es verändert sich bloß“, höre ich sie sagen. Sie wollten den Hasen mit ihren bloßen Händen an seinen Ohren hochheben und genauer begutachten, doch ich, ganz besorgter Vater, rufe: „Nein, das geht nicht! Lasst ihn liegen.“ Ich hatte natürlich gute Gründe für meine Worte. Wir wissen nicht, woran das Tier gestorben ist. Ich habe vor vielen Jahren eine kleine Geschichte gehört, dass wir als Kleinkinder inmitten eines dichten und urwüchsigen Waldes noch voller Lust und Neugierde die Welt ent-deckten und auf-deckten. Ständig ändern wir die Richtung und bleiben an den unmöglichsten Plätzen stehen. Haben wir Hunger, dann greifen wir nach einer Frucht und scheinbar gefährliche Tiere heißen wir als Spielgefährten willkommen, bis wir von einer uns vertrauten Stimme hören: „Nein“; „Greif das nicht an!“; „Halt!“ Eltern mahnen zu Vorsicht Jetzt bin ich diese Stimme. Ich bin das "Nein". Ich bin der Mahner. Ich bin der Vater und ich weiß, dass meine Kinder mit jeder weiteren Ermahnung einen größeren Abstand zur Welt nehmen. Möglicherweise wird mit diesem Abstand die Welt fragwürdiger. Aus der Neugierde wachsen Fragen. Mit den Fragen generieren die Kinder Antworten, um die Welt und ihre Zusammenhänge verstehen zu lernen. Aber ich spüre auch, dass ich mit meinen Mahnungen, die ich mir durch Wissen rational begründen kann, meine Kinder aus dem Urwald heraus führe. Dort haben sie noch alles angegriffen und bestaunt. Dort haben sie ein verwesendes Eichhörnchen gefunden, der im Prozess der vegetativen Zersetzung Nahrung für tausende Organismen ist. Sie haben diesen Prozess mit ihren Händen be-greifen wollen. Ihre einzige Frage war, ob sich der Kadaver auflöst: Was passiert mit einem Tier, wenn es im Wald stirbt? Sie wollten diesen Wandel von Leben und Sterben einfach nur wahr-nehmen und be-greifen. Mit mir wurde der Hase aber zur Frage seiner Wirkung auf uns und es bleibt: Man darf tote Tiere nicht angreifen! Direkter Bezug zur Natur  Kleine Kinder haben einen direkten Zugang zur Natur. Wahrscheinlich begreifen sie sich selbst noch als Naturwesen. Der Wald ist noch kein ES, er ist ein DU, wie das ICH. Ich merke zunehmend meine Lust, mich mit diesem Prozess der Kinder auseinander zu setzen, wenn sich die Natur/der Urwald/die Dinge von einem DU/ICH zu einem ES wandeln,... wenn alles Selbstverständliche zur Frage wird. Mit meiner Intervention ist das tote Eichhörnchen nicht bloß ein verwesendes Tier, sondern auch eine mögliche Gesundheitsbedrohung. Das nächste mal schaue ich meinen Söhnen einfach zu... irgendwie hätten sie das Eichhörnchen schon umgedreht! Obwohl,… wahrscheinlich werde ich wieder „Halt!“ rufen. Wolfgang Nell (45), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 4, 7 und 10 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.