Schneeflöckchen und Tuvalu

Foto: Fotolia/lassedesignen

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Angeregt von "Schneeflöckchen, Weißröckchen" drehen sich die Gespräche in Wolfgang Nells Familie zur Zeit um die Erderwärmung, das Auswandern der BewohnerInnen von Tuvalu, Ananas in Nicaragua und die Eisbären am Nordpol.  Endlich habe ich meine Kinder mit dem Schlitten zum Kindergarten ziehen können. Ja, früher war es immer so. Das ist der Augenblick, wenn mein ältester Sohn heimlich die Augen verdreht. Das hat er auch schon getan, als ich etwas von der Zeit der Stille im Advent gemurmelt hatte. Außerdem war es im Advent heuer sehr gatschig. Das veranlasste mich zu einer Aufforderung an meine Kinder, fleißig "Schneeflöckchen, Weißröckchen" zum Himmel zu singen, um sich das grüne Weihnachten zu ersparen. Sie verdrehten jetzt genau wahrnehmbar ihre Augen und sichtlich erstaunt und verwundert, schüttelte einer meiner Söhne seinen Kopf: „Ha, …du mit deinem kindischen Schneeflöckchen singen! Das Klima ist einfach zu warm für den Schnee – das kommt übrigens von der Klimaerwärmung." Einen Monat später glitzert der Schnee. Es scheint ja doch nicht so schlimm mit der Erderwärmung zu sein, obwohl jetzt schon die Erderwärmung in den wenigen Tagen des Jahres 2017 das Topthema in unseren Familiengesprächen geworden ist. Dieser Begriff ist erstaunlicherweise für ein acht- und für ein sechsjähriges Kind mit allerlei Inhalten gefüllt: Unser geliebtes Tuvalu im pazifischen Ozean ist vom Steigen des Meeresspiegels massiv bedroht – das kommt vom Schmelzen der Polkappen. Anscheinend dürfen die Tuvalus nach Neuseeland auswandern.Das erzählen mir die Kinder sowieso fast monatlich. Immer mehr Eisbären treiben auf weggebrochenen Eisschollen zu weit vom Festland weg – sie verhungern. Außerdem gibt es ganz kleine Plastikteilchen im Wasser, welche von den Fischen aufgenommen werden. Jeden Tag sterben unzählige Tiere aus – für immer. Die Luft in der Stadt ist voll von diesen Feinstaubpartikel – hat unser Auto einen Dieselmotor? Warum erwärmt sich eigentlich das Klima? Außerdem dürfen wir keine Ananas mehr essen. Die werden derart mit Gift gespritzt, dass in den kristallklaren Flüssen neben den Ananasfeldern in Nicaragua keine Fische mehr schwimmen. In einer Kinderzeitschrift wird der Eiffelturm bis zur Hälfte vom Wasser umspült. „Ja - so wird es sein, wenn wir nichts gegen die Erwärmung unternehmen“, sagt mein Sohn und stößt mit einem Lächeln einen zufriedenen Seufzer aus. Ich frage ihn: „Warum lächelst du?“ Er legt die Zeitschrift auf seinen Schreibtisch und antwortet: "Wenn die Menschen solche Bilder sehen, dann werden sie etwas dagegen unternehmen." Vielleicht ist der Glaube an das Christkind, an den Weihnachtsmann oder an die Weihnachtshexe La Befana im Erleben der Kinder etwas Notwendiges. Ab und zu drängt es mich, gegen diese magische Welt zu sprechen, um meine Kinder über das wahre Wesen des Christkinds aufzuklären. Dieser Glaube steht gegen alle Realität und Faktizität dieser Welt. Natürlich, das Klima wird jedes Jahr wärmer, die Polkappen werden schmelzen, der Feinstaub verursacht vorrangig bei Kindern Atemwegserkrankungen, die Ananasfelder werden auf Teufel komm raus mit Giften bespritzt, weil die Dose Ananas wenig Geld kosten soll,... ...ab und zu schenke ich ihnen mein Schweigen und lasse sie im unausgesprochenen Glauben an eine solidarisch und ökologisch handelnde Weltgemeinschaft. Damit sie diese Welt mit all ihren Unstimmigkeiten, Gegensätzen, Realitäten und Schieflagen begreifen lernen, brauchen sie ab und zu auch das Unbegreifliche, das Utopische und das Magische. Ich werde nicht aufhören dieses "Schneeflöckchen, Weißröckchen" gegen den Himmel zu singen und dieses Jahr ein paar Mal ganz bewusst unser Dieselauto in der Garage stehen lassen. Wolfgang Nell (44), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 2, 5 und 8 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.


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