Plastik im Paradies

Wolfgang Nell erzählt in seinem Papa-Blog eine Urlaubsgeschichte mit unerfreulichem Ausgang.  Eine Geschichte: Seit Tagen brennt die Sonne in einem südfranzösischen Örtchen auf die helle Haut einer fünfköpfigen Familie. Heute hat sich die Familie auf Anraten eines ortskundigen Freundes aufgemacht, um mit dem Linienbus einige Kilometer gegen Westen zu fahren. Nach einer halben Stunde Fahrzeit würde der Bus in einer Talsenke halten und von dort aus führt ein Weg, nach kurzer Gehzeit, zu einem wunderschönen und völlig unberührten Naturstrand. Fröhlich gelaunt steigen die fünf Menschen aus dem Bus und finden ohne Mühe den schmalen Pfad. Eidechsen flüchten vor ihren Schritten. Am Wegesrand duften die wilden Kräuter: Thymian, Salbei, Majoran. Die Kinder zupfen immer wieder während des Gehens einige Blätter von den Kräutern ab und zerreiben sie mit ihren Fingern. Insekten summen im stillen Licht der Morgensonne. Auf ihren Rücken tragen die Kinder und Eltern die Ausrüstung zum Schnorcheln. Dort, hatte ihr Freund versprochen, würde es im Meer noch so richtig viele Fische und allerlei Meeresgetier zu sehen geben. Die beiden älteren Kinder freuen sich. Sie haben sogar eine kleine Unterwasserkamera dabei. Der Anblick des Strandes entzückt die Herzen der Familie. Genau so haben sie sich einen perfekten Strand vorgestellt. Einige Kiefern für den Schatten, ein feiner Kiesstrand und ein durch die Strahlen der Morgensonne funkelndes Meer. Sanft streichen die Wellen im leisen Rauschen ans Land. Die Kinder können es kaum erwarten. Schnell ziehen sie die Tauchflossen über die Füße. Die Schmimmbrille aufsetzen und den Schnorchel richtig adjustieren. Die Kinder sind gute Schwimmer. Der Freund hat vorweg erzählt, dass er und seine Töchter an diesem Ort schon viele Stunden verbracht haben: Keine Strömungen und verborgene Gefahren. Also lassen die Eltern die beiden Großen ins Wasser springen. Die beiden Elternteile stehen am Wasser und beobachten, wie sich ein roter und ein grüner Schnorchel kreisend im Wasser bewegen, ehe sie ab und zu für einen kurzen Zeitraum unter die Wasseroberfläche verschwinden. Der Kleine schaufelt Kies in einen Spielkübel. Die Wellen umspülen die Zehen und Knöchel der Eltern. Welch wunderbarer Ort. Ein Paradies. Ein Geheimtipp! Genau so haben sie sich den perfekten Urlaub immer vorgestellt. Mit dem warmen Licht auf ihrer Haut schließen sie genussvoll die Augen. “Mama, im Wasser glitzert alles so schön”, ruft eines der Kinder. “Vielleicht taucht ihr gerade inmitten eines Fischschwarms”, ruft sie ihnen zu. “Nein, was da so glitzert, ...das sind keine Fische, das sieht eigentlich wie Plastik aus”, hören sie die Kinder antworten. Das wollte die Mutter unbedingt selbst sehen. Mit der Taucherbrille springt sie ins Meer und schwimmt zu ihren Kindern. Ein langer Atemzug und dann taucht sie inmitten winziger Plastikteilchen und Plastikpartikel, die gleich einem Schwarm bunter Fische durch die Strahlen der Morgensonne geheimnisvoll funkeln. “Kommt raus Kinder, hier können wir nicht Schwimmen!” Plastik. Enttäuschung: “Wir sind nicht im Paradies!” Naja, irgendwo muss das Plastik ja hin, wenn von so manchen Kaufhausketten selbst die Biogurke in Plastik eingeschweißt verkauft wird,... oder? Wolfgang Nell (47), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 6, 9 und 12 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.


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