Loslassen

Foto: Fotolia/drubig-photo

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Über die Qual schlafloser Nächte und den Ablöse-Prozess mit dem Übergang zum Taferlklassler sinniert Wolfgang Nell in seinem Papa-Blog zum Schulbeginn.

Tröstend hält der Vater sein kleines Kind in den Armen. Behutsam wiegt er das kleine Bündel mit seinem Körper und seiner Stimme in den Schlaf. Das Kind hat noch keine Ruhe gefunden. Es weint und schreit. Einige Minuten lang bleibe ich auf unserem Balkon stehen, ehe ich mich von diesem Anblick lösen kann und leise die Türe hinter mir schließe. Es ist vier Uhr morgens. Wir sind soeben nach einer nächtlichen Reise – eines unserer Kinder hatte sich im Urlaub verletzt – heimgekehrt. Die Fahrt durch die Nacht mit den schlafenden Kindern hat mich aufgewühlt. Auf dem Balkon suche ich Entspannung. Ich kann, wie das kleine Baby, nicht schlafen.

Drei Jahre alt ist mein jüngster Sohn soeben geworden. Zwei Jahre ist es her, dass er die erste Nacht durchgeschlafen hat. Das Bild des Vaters mit dem Kind erzählt auch meine Geschichten der vielen durchwachten Nächte im Ertragen des eigenen, vom Schlafmangel erschöpften Körpers. Unsere Kinder haben nicht gut geschlafen. Manche Kinder schlafen die Nächte durch, andere nicht. Hatten Freunde schlafende Kinder, dann habe ich immer gefragt: Wie macht ihr das? Selbst beim dritten Kind hatten wir keine Ruhe in den Nächten. So haben wir viele Menschen von unserem Balkon aus durch die Nacht wandeln sehen. Heute kriege ich die älteren Burschen in den Ferien nicht mehr aus dem Bett!

Jahrelang kämpfte ich um jede Stunde Schlaf, stellte Fragen an das Universum, warum sich ein zweijähriges Kind grantig und aufsässig um vier Uhr morgens einbildet, dem kuscheligen Bettchen fern bleiben zu bleiben, um von mir als Clown, Bausteinstapler oder Plüschtierdompteur animiert zu werden. Mittlerweile habe ich meinen Schlafrhythmus umgestellt. Das Schlafentzugstraining hat sich ausgezahlt: Ich wache täglich um fünf Uhr auf!

Trotzdem hat der Anblick des Vaters mit dem Kind mein Herz sehnsuchtsvoll gerührt. Wie schnell die Zeit vergeht. Noch spüre ich das Gewicht der kleinen Körper auf meiner Brust, wenn sie durch das Wiegen endlich eingeschlafen sind.

In diesen Tagen kaufen wir die Schulsachen für unseren mittleren Sohn. Hefte, Stifte, Klebstoff, bunte Umschläge, Wasserfarben, eine Tube Deckweiß, ein Mitteilungsheft. Liebevoll und stolz werden die Gegenstände für den neuen Lebensabschnitt auf dem Schreibtisch drapiert. Schon werden die Buntstifte gespitzt und zur Probe die Tintenpatronen der Füllfeder gewechselt. In wenigen Tagen tritt er mit anderen Mädchen und Buben durch das Schultor. In vielen Jahren wird er diese Tür wieder als junger Mann verlassen.

Andere Menschen werden meinen Sohn begleiten und ihm von dieser Welt erzählen. Mit jedem Tag wird er sich mehr und mehr von meiner Brust lösen, so wie er schon jetzt in kleinen Schritten sein Leben bestimmt. Noch liegt er ab und zu abends auf meiner Brust, doch ich spüre, dass diese körperliche Berührung irgendwann als Ahnung für unsere Verbindung stehen wird. Dann werde ich um jede schlaflose Nacht mit ihren innigen Berührungen dankbar sein, um ihn mit all meinem Vertrauen durch das Schultor in eine neue Zeit schreiten zu lassen.

 

Wolfgang Nell (45), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 2, 5 und 8 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.



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