Verschüttete Milch und die Wildschwein-Frage

Foto: Fotolia/Shakzu

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Wolfgang Nell beschreibt in seinem Papa-Blog, wie aus scheinbar banalen Fragen zu Asterix und der gallischen Wildschweinjagd inmitten eines chaotischen Familienmorgens eine Diskussion über das ökologische Gleichgewicht entstehen kann. Warum gibt es so viele Sterne? Wie heißt der größte Mann? Wo lebt die schwerste Katze? Noch sind die Zähne nicht geputzt, der Frühstückstee hält noch unberührt seine Oberflächenspannung und die Sockenlade ist fast leer. Meine Frau ist bereits an ihrem Arbeitsplatz und ich habe täglich das Vergnügen, meine drei Söhne auf den Wegen zu ihren Bildungsstätten zu begleiten. Die Frage im Ohr, ob ich schon einmal im Auges eines Tornados gestanden sei, sehe ich die Zahnpasta nicht auf die Zahnbürste, sondern auf den neuen Pulli quellen. Schnell bürste ich den Fleck heraus und höre um drei Ecken herum verdächtige Geräusche aus der Küche dringen, als würde ein Kind einen Stuhl verschieben. Dem Geräusch folgt ein fröhliches: Hoppala! Der Fleck auf dem Pulli ist mittlerweile weg, doch wir wissen ja alle, dass herausgewaschene Zahnpasta auf wundersame Weise wieder zu leuchten beginnt. Das Hoppala war einem umgestoßenen Milchglas gewidmet. Langsam verteilt sich die Milch auf dem Küchenboden. Im Eifer anbietender Hilfeleistung steigt mein Sohn mit den Socken in die Milchpfütze: „Hoppala“. Heute sollen meine beiden Schüler ein wenig früher in der Schule sein, weil sie zu einer musikalischen Veranstaltung fahren. Die beiden Buben sind bereits für den Schulgang angezogen, doch heute regnet es. Fleecejacke ausziehen – Regenjacke anziehen. Aus der Küche höre ich wieder das vertraute Geräusch eines geschobenen Stuhls. Auf dem Boden kniend wischt der kleine Milchtrinker emsig die Milch auf, sofern sie nicht schon von der Hose und den neuen Socken aufgesaugt worden ist. „Hoppala“, sagt er dazu und versieht mich inmitten seines Arbeitsprozesses mit dem süßesten Lächeln. 7:32 Uhr. Meine beiden Söhne verlassen die Wohnung, als sich mein mittlerer Sohn noch einmal umdreht: „Papa, in Gallien muss es wirklich viele Wildschweine geben. Der Obelix verzehrt ja schon zum Frühstück drei!“ Noch im Stiegenhaus die Treppe abwärts steigend, höre ich ihn seinen Bruder fragen, ob er wisse, wie viele Wildschweine Obelix eigentlich an einem ganzen Tag essen könne. Vor einigen Tagen ist Band 37 der Asterix-Reihe auf dem Markt erschienen. Der kleine Gallier ist schon seit Jahren ein kleiner Teil unserer Familie. Vordergründig vermittelt Asterix und sein widerspenstiges Dorf alle Merkmale einer in sich geschlossenen Gemeinschaft. Die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner, sowie alle anderen Figuren von Cäsar bis zu den Briten sind mit einem enormen Überhang stereotyper Wesensmerkmale gezeichnet. Dieser bewussten Übersteigerung liegt meiner Einschätzung nach ein wesentliches Merkmal der Erzählungen von Asterix und Obelix zugrunde, allen anderen mit Respekt, Wertschätzung und Achtung begegnen zu wollen, soweit diese nicht ihr Leben bedrohen. Jetzt höre ich aber meine Söhne fragen: „Was hat das bitte mit Respekt zu tun, immer wieder in fröhlichster Laune die Römer zu vermöbeln?“ Mit dieser berechtigten Frage, ob das Verhauen der Römer gerechtfertigt werden kann, eröffnen sich Diskussionen und Gespräche über die Unterscheidung von Grund und Ursache; der Bedeutung von Widerstand; dem Recht auf Autonomie; dem Anspruch auf Weltherrschaft; dem Recht, dem Staat und der Akzeptanz von Religionen. Obwohl: In diesen Tagen gehen wir noch der Frage nach, wie viele Wildschweine Obelix tatsächlich täglich essen kann und ob nicht doch in jenen Tagen das ökologische Gleichgewicht in den Wäldern Galliens durch übermäßige Wildschweinjagd gestört worden ist. Und das mit der schwersten Katze ist auch noch immer offen, an Tagen wie diesen. Wolfgang Nell (45), akademischer Entwickler Sozialer Verantwortung, schreibt diesen Blog als Vater von drei Buben. Er kümmert sich zurzeit hauptsächlich um die Kinder im Alter von 3, 6 und 9 Jahren, während seine Frau Vollzeit als Ärztin arbeitet. Für Grünschnabel reflektiert er regelmäßig Erlebnisse aus seiner Familienwelt mit dem Lauf der „großen“ Welt, mit politischen und alltäglichen Geschehnissen.


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