„Artgerecht“ Kind sein

Evolutionär bedingt ist es die natürlichste Sache der Welt für Kinder, in der Natur zu spielen. Foto: Fotolia/Monkey Business

Evolutionär bedingt ist es die natürlichste Sache der Welt für Kinder, in der Natur zu spielen. Foto: Fotolia/Monkey Business

Kinder sind “born to be wild” – der Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster setzt sich durch seine Bücher, Artikel und zahlreichen Interviews für eine „artgerechte“ Kindheit ein. In Kindern ist unser urmenschliches Erbe zum Greifen nahe: Wie wir geboren werden und wie unsere Fähigkeiten sich entfalten, ist evolutionär geprägt. Und da sich Evolution langsam bewegt, macht es Sinn, kindliche Entwicklung durch eine steinzeitliche Brille zu betrachten.

Das natürliche Entwicklungsprogramm zielt noch immer darauf ab, sich auf ein Leben als Jäger und Sammler vorzubereiten. Insofern sind Betreuungseinrichtungen mit engen didakti-schen Vorgaben und Förderprogrammen nicht artgerecht. Vielmehr brauchen Kinder Frei-räume, in denen sie sich in ihrem Tempo Herausforderungen suchen können, die gerade für sie passen. Die Natur ist der ideale Ort dafür: Alle Sinne werden angeregt, die Welt kann mit den eigenen Händen begriffen werden.
Durch das Erleben verschiedener Witterung werden Kinder widerstandsfähiger und das Im-munsystem wird gestärkt. Kinder sollten Freiheit erleben dürfen, draußen im „Freien“, so Dr. Renz-Polster. Ohne elterliche Dauerüberwachung die eigenen Kräfte erproben und ihr Ge-schick erkunden dürfen.

Begeisterung treibt das Kind beim Entdecken an, auf Bäume zu klettern und in Pfützen zu springen. Das alles ermöglicht elementare Erfahrungen, die Körper, Geist und Seele zusam-menbringen. Bedeutend ist dabei nicht allein das Spielen unter freiem Himmel, sondern dass unstrukturierte Räume und Zeiten zur Verfügung stehen, in denen das Kind ganz nach sei-nem eigenen Entwicklungsplan handeln kann. Das kann auch ausreichend freie Spielzeit drinnen sein.

Hindernisse für ein solch artgerechtes Kind-Sein sieht Dr. Renz-Polster einerseits darin, dass viele Kinder eine durchorganisierte Kindheit erleben und durch Schule und Freizeitaktivitäten fast dauerbeschäftigt werden. Andererseits beobachtet er bei Eltern eine große Angst vor Verletzungsgefahren beim freien Spiel in der Natur.
Dabei hätten Kinder eigentlich einen angeborenen Risikoschutz: Wenn sie sich in ihrer Be-wegung frei entwickeln dürfen, lernen sie ihren Körper und Risiken, z.B. beim Klettern, viel besser kennen und sind weniger verletzungsgefährdet als Kinder, die ihre Fähigkeiten nicht so gut einschätzen können.

Am Du und der Natur die Persönlichkeit bilden
Statt im Kleinkindalter vor allem Fähigkeiten zu fördern, die später gut wirtschaftlich ver-wertbar sind, sollte Persönlichkeitsbildung im Vordergrund stehen. Die geschieht in Bezie-hung. In den ersten Lebensjahren ist es grundlegend, dass eine tragfähige und sichere Bin-dung zu den wichtigsten Bezugspersonen entstehen kann. Auf dieser Basis können Kinder sich weiter in die Welt hinauswagen und sich in Gruppen mit anderen Kindern erproben. Da kön-nen sie sich auf Augenhöhe begegnen und sich spielerisch selbst organisieren.

Durch das Spielen in unstrukturierter Umgebung, unter gemischt-altrigen Kindern, können sie erleben, wie sie sich von Widrigkeiten nicht gleich unterkriegen lassen. Sie probieren sich selbst aus und lernen, mit ihren Emotionen umzugehen, in einer Gruppe klarzukommen. Das sind Fähigkeiten, die sich nicht anerziehen lassen, sondern die nur aus dem Kind selbst ent-stehen können. Dafür braucht es genügend Freiräume, in denen es „wild“ sein darf, und eine Begleitung, die an die Fähigkeiten im Kind glaubt, anstatt zu sehen, was das Kind noch nicht kann.

Für mehr Freude im Leben mit Kindern!
Katharina Maderthaner, MSc (Counseling)
katharina.maderthaner@gmx.net



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