Soziales Lernen mit Theater spielen

Foto: Fotolia/drubig-photo

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Bei Theaterpädagogik werden verschiedene Alltagssituationen mittels Theatertechniken wie Rollenspiel, Improtheater und Pantomime nachgespielt. Bei dieser Mischform aus Pädagogik und Theater geht es neben sozialem Lernen um Kreativität, Persönlichkeitsentwicklung und Gruppendynamik. Die Linzer Theaterpädagogin Daniela Christl im Grünschnabel-Interview.

Was genau versteht man unter Theaterpädagogik?
Grundsätzlich geht es um ein Theaterspielen-Üben, bei dem sehr auf den methodisch-didaktischen Aufbau geachtet wird. Das heißt, dass keiner überfordert ist und jeder genug gefordert ist. Es geht darum, durch verschiedene Spiele, die man aus der Theaterwelt kennt, wie Rollen- und Szenenspiel, Improtheater, Pantomime, Sprechtechnik- sowie Körperwahrnehmungsübungen, Reaktionsspiele, Jeux dramatiques, also Ausdrucksspiel aus dem Erleben etc. bestimmte Ziele zu erreichen. Diese Ziele sind zum Beispiel Förderung der Kreativität, der Lesemotivation, der Persönlichkeitsentwicklung, des sprachlichen und körperlichen Ausdrucks, der Gruppenzusammengehörigkeit, der Beweglichkeit, der Körperwahrnehmung und vieles mehr.

Was ist Theaterpädagogik nicht?
Ich verteile nicht in der ersten Stunde Rollen und dann wird bis zum Schluss auf einen großen Auftritt hingearbeitet. Dazu braucht es keine Theaterpädagogik. Vielmehr entwickle ich gemeinsam mit der Gruppe Inhalte und Ideen, lasse entstehen, es dürfen kreative Prozesse geschehen. Dabei ist das Ziel eigentlich das, was auf dem Weg zum Auftritt vor Publikum alles passiert und sich entwickelt. Nicht der Auftritt selbst.

Wie kann mein Kind davon profitieren?
Das Schöne an der Theaterpädagogik ist, dass es für alle geeignet ist, sowohl für die, die sowieso gerne auf der Bühne stehen, aber auch ganz besonders für jene, die sich noch nicht so trauen. Weil die Theaterpädagogin sehr darauf achtet, auch diesen viele Möglichkeiten zu geben, sich zu trauen, über sich hinauszuwachsen – und das ganz spielerisch. Und plötzlich merkt das Kind, dass es gar nicht so schlimm ist, vor anderen zu (be)stehen. Dass es mit seiner Nervosität umgehen lernt. Dass es sprachlich viel lockerer wird. Dass es an sich selbst vielleicht ganz neue Seiten kennenlernt. Und natürlich macht theaterpädagogisches Spielen viel Spaß. Ganz wichtig ist, dass niemand ausgelacht wird, aber natürlich gerne über andere gelacht werden darf. Auch verletzende Kritik gibt es nicht.

Wie kann man sich eine theaterpädagogische Übung für Kinder vorstellen?
Zum Beispiel könnte der Schwerpunkt auf Sprache und Sprechen liegen. Ein sehr lustiges Aufwärmspiel ist das „Zitronen-Monster“. Dabei stehen alle im Kreis und sind abwechselnd Monster: Mund weit aufreißen, lautes Brüllen, Zunge weit rausstrecken, die Arme nach oben reißen, sich groß machen. Abwechselnd stelle ich mir vor, ich hätte in eine Zitrone gebissen: Ich mache mich klein, verziehe das Gesicht,… dann wieder Monster.

Weiter geht’s mit einer lautmalerischen Unterhaltung: Die Leiterin stellt Fragen wie „Quaddldiquahix? Dudu?“ Die Kinder geben passende lautmalerische Antworten. Oder die Kinder stellen der Leiterin lautmalerische Fragen und diese gibt sinnvolle Antworten darauf wie „Aber natürlich habe ich die Katze gefüttert!“ Eine Riesengaudi für die Kinder! Wer sich traut, darf einen lustigen, aber schwierigen Text vortragen, wie das „Drachenabeceh“ – vielleicht sogar mit ganzem Körpereinsatz. Auch Zungenbrecher-Spiele sind sehr beliebt.

Wie könnte eine Theaterpädagogik zum Thema „Mobbing“ für Kinder aussehen?
Vielleicht ist Mobbing ja gerade Thema in der Klasse, ansonsten würde die Spielleiterin anhand eines Buches, Textes oder Bildes das Thema mit den Kindern/Jugendlichen im Sitzkreis besprechen. Man könnte eine gemeinsame Sammlung von „Makeln“ machen, über die man bei anderen gerne lacht: Dick, Warze im Gesicht, lispeln, dicke Brille, unsicher,…

Anschließend werden die Kinder in Dreiergruppen eingeteilt: Je ein Kind spielt das Mobbingopfer, richtet sich auch äußerlich so her (Warze aufmalen, mit Polster ausstopfen,…), damit es sich gut in seine Rolle hinein versetzen kann. Die Gruppen denken sich selbst kleine Geschichten aus, die sie den anderen dann vorspielen. Dabei sollte jeder einmal in die Rolle des Außenseiters schlüpfen. Dann gibt es eine gemeinsame Reflexion mit der Frage: Wie habt ihr euch jeweils gefühlt?

Abwandlungen wären etwa: Die „Angreifer“ tragen Masken: Ändert sich dadurch euer Verhalten, eure Gefühle? Oder Improtheater: Drei Personen, einer ist das Mobbingopfer. Spontane Vorgaben kommen vom Rest der Klasse, zum Beispiel einer kommt aus Kenia, er ist 16, die beiden anderen 17 Jahre alt, ihr seid vor einem Lokal – spontan Szene vorspielen.
Aus den Einzelszenen kann man gemeinsam ein ganzes Stück kreieren. Wichtig dabei: Ein positiver Abschluss. Bei alledem ist eine gemeinsam Reflexion dessen, was dabei eventuell in den Kindern/Jugendlichen aufbricht sehr wichtig sowie eine weitere Beschäftigung damit im Unterricht.

Wie kann Theaterpädagogik eingesetzt werden?
Sehr, sehr vielseitig. Vom Volksschulkind – manche Theaterpädagoginnen arbeiten auch schon mit Kindergartenkindern – bis zum Pensionisten ist für jeden etwas dabei, weil es Körper und Kopf fit hält und sehr individuell auf die Gruppe passend gestaltet werden kann. Auch inhaltlich ist die Schwerpunktsetzung vielfältig: Von der Konfliktaufarbeitung in der Klasse über Gruppenbildung bis zur Aufarbeitung von brisanten Themen von Mobbing über Schulangst bis hin zu Fremdenfeindlichkeit,… Theaterpädagogik arbeitet viel mit gemeinsamer Reflexion, was auch bei Jugendlichen sehr wichtig ist.

Was macht die Begeisterung für Theaterpädagogik aus?
Es ist so schön zu beobachten, wie jeder Teilnehmer sich dabei entwickelt, ja, man kann sagen, entfaltet. Wie jeder seine Rolle findet, neues Potential in sich entdeckt. Die Gruppe wächst stark zusammen und das gibt dem einzelnen viel Vertrauen, einmal über seinen Schatten zu springen. Wenn sich die Gruppe entschließt, einen Auftritt vor Publikum zu „wagen“, sind alle anschließend sehr stolz. Kinder reflektieren das noch nicht so sehr, aber Erwachsene erkennen oft erst danach, wie sehr sie durch den Kurs gewachsen sind. Die Grenzen, die wir uns selbst im Kopf setzen, werden – ganz spielerisch und im eigenen Tempo – erweitert.

Theaterpädagogik-Angebote Oberösterreich:
www.theater-schule-freigeist.at
www.landestheater-linz.at



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