Mehr als Buchstaben und Worte: Was gute Kinderbücher ausmacht – 3. Teil

Erstlesebücher 6–10 Jahre

Mit dem Schulanfang beginnt eine sehr aufregende und erfüllende Zeit. Die richtigen Bücher dafür von Anfang an auszuwählen, ist uns ein Herzensanliegen. Schließlich soll dein Kind das Beste kriegen, was im breiten Angebot zu finden ist.

Bücherregal

Bücherregal, Bild: Veronika Mayer-Miedl

Wenn das erste eigene Buch ausgelesen ist, dann darf gefeiert werden: Das Tor zum Land des Lesens steht nun weit offen!

Viele geduldig vorlesende Erwachsene freuen sich vielleicht insgeheim schon darauf, wenn ihr Sprössling ENDLICH selber lesen kann…Gerade zu Beginn des neuen Lebensabschnitts wird dein Kind jedoch die Fortsetzung des gleichbleibenden Vorleserituals besonders lieben.

 

  • Immer noch Bilderbücher?

Im frühen Grundschulalter kommt ihnen eine spezielle Bedeutung zu. Sie verdienen es nicht, als „Kleinkinderkram“ abgetan zu werden: Viele komplexe, anspruchsvolle Bilderbücher wird dein Kind überhaupt erst im Alter ab 5/6 Jahren wertschätzen und erfassen können. Manches Lieblings-Bilderbuch von früher entdeckt ihr völlig neu, wenn dein Kind den Text darin selbstständig lesen kann.

Und wie heißt es so treffend in Lewis Carolls „Alice im Wunderland“?

…was für einen Zweck
haben schließlich Bücher,
in denen überhaupt keine Bilder
und Unterhaltungen vorkommen?

Kind mit Bilderbuch

Bilderbuch Rückgriff, Bild: Veronika Mayer-Miedl

Der Spaß, die Unterhaltung, die Freude an Geschichten stehen weiterhin im Vordergrund. Denk nur an die von vielen heißgeliebten und mittlerweile mehrfach verfilmten Bücher von „Petterson und Findus“: Sven Nordqvist hat in den Darstellungen viele witzige und skurrile Details versteckt – selbst für Achtjährige noch ein wertvoller Bilder-Lesestoff. Ebenso sein großformatiges Buch „Wo ist meine Schwester?“

Schier unlesbar für eigentlich jeden/jede Erstklassler/in scheinen gänzlich bilderlose Bücher zu sein. Parallel zum Lesenlernen könnt ihr ja immer noch tolle Bilderbücher gemeinsam genießen. Das darf ruhig noch länger so sein, denn Bilder wirken direkt, helfen unserer Fantasie auf die Sprünge, machen Lust auf Geschichten und verlocken zum Weiterlesen.

 

  • Spiel mit Buchstaben: Die ABC-Bücher

Mit ungefähr 5 Jahren entdeckt dein Kind, dass Buchstaben, Symbole und Zeichen etwas bedeuten – davon geht eine große Faszination aus! Das erste Interesse fürs Lesenlernen erwacht. Einige Verlage bieten Bücher, in denen manche Hauptwörter innerhalb der Textzeile durch ein kleines Bild ersetzt sind. Dein mitlesendes Kind hat so die Möglichkeit, einzelne Wörter mitzusprechen. Eine echte Vorbereitung fürs Lesen ist diese Spielerei nicht, auch wenn sie Spaß macht. Wie lange diese Art von „Lesen spielen“ bei Kindern bereits beliebt ist, zeigt der Klassiker „Pony, Bär und Apfelbaum“ (1977).

Weitaus interessanter, weil sie mit den kleinsten Bestandteilen unseres Sprachmaterials arbeiten, sind ABC-Bücher: Sie rücken die Buchstaben als Hauptakteure ins Zentrum.

„Es fährt ein Bus durchs ABC“ (Karsten Teich) beispielsweise bietet reizvolle Verse. Ebenso „Trauriger Tiger toastet Tomaten“ (Nadja Budde), das mit viel Humor Ungewöhnliches kombiniert.
„Neun nackte Nilpferddamen“ der beiden Österreicherinnen Renate Habinger und Gerda Anger-Schmidt kommt demnächst in einer Neuauflage, bis dahin gibt’s das Taschenbuch. Reinschmökern in dieses außergewöhnlich vielseitige Sprach-Spiel-Buch kannst du hier.

Bevor dein Kind die Technik des Decodierens und Zusammenlautens von Buchstaben in der Schule erlernt, begreift es die Verbindung zwischen Laut und Zeichen(-folge) als erste Voraussetzung fürs Lesen. Besonders empfehlenswert sind im Schulanfängeralter Bücher, die diesen Zusammenhang sprachspielerisch bewusst machen.

Alle 26 Buchstaben müssen gelernt und in ihrer Lautbedeutung verinnerlicht werden. Ein schönes Stück Arbeit, das dein Kind mit deiner Unterstützung spielend bewältigt. Wenn es endlich soweit ist– Software erfolgreich im Hirncomputer installiert ! – dann nichts wie rein ins Vergnügen!

Das erste eigene Buch soll in der Textmenge möglichst einfach und überschaubar sein.

 

  • Erstlesebücher & Co

Kurze Sätze, Flattersatz statt Blocksatz, der Zeilensprung an einer für die inhaltliche Bedeutung passenden Stelle bzw. keine Zeilenüberschreitung innerhalb eines Sinnzusammenhanges, Wortwiederholungen (Wiedererkennungseffekt) und viele kleinere Absätze hintereinander: Das sind die Dinge, auf die du bei der Auswahl der allerersten Bücher zum Selberlesen achten sollst. Der österreichische G&G Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fibelschrift, die in den Schulen hierzulande als erste Druck-Schreibschrift gelehrt wird, auch als Schrifttype seiner Erstlesereihe „Lesezug“ einzusetzen. Ideal sind Bücher in der gleichen Schrift, die dein Kind in der Schule als erste Schrift zu schreiben lernt. (Fibelschrift). Damit wird die Lesetechnik ungemein erleichtert, denn manche Schrifttypen verwirren dein Kind und erschweren das Entschlüsseln des Buchstaben-Codes nur unnötig.

Maßgeschneidert auf die Interessen und Leidenschaften der kleinen Leser soll diese Leseeinstiegsliteratur sein. Verschiedene Verlage bieten eine verführerische Vielzahl an Erstlesereihen an. Da kommst du schnell zwischen die Fronten „Rosa: Elfen/Ponyhof/Zickenalarm“ und „Blau: Piraten/Kicker/Dinos“ … Glücklicherweise gibt es auch Literatur für Leseanfänger ohne diese Einschränkungen: Sie ist für dein Kind meist wertvoller.

Aufs bei der Kritik verrufene Terrain der Erstlesereihen (das sei keine „Literatur“, da sie alleine zum Zweck des Lesenlernen nützlich ist …) gewagt haben sich Verlage, die auch für anspruchsvolle Bilderbücher bekannt sind. „Ein Wunschhund für Oscar“ (Anne Maar, Verena Ballhaus) ist solch eine positive Ausnahmeerscheinung, ebenso „Regenwurmtage“ (Ante Damm).

Nicht die Lesebändchen mit winzigen Figürchen dran, die Glitzer- und Wackelbilder, die Samt- und Seiden-Einbände garantieren Qualität. Damit wird dein Kind vielmehr geködert und abgelenkt. Schlagt das Buch auf, schaut, ob der Text in Wortwahl und Ausdruck zu euch passt. Die deutsche Sprache mag sich durch moderne Medien immer mehr zu einem Einheitsbrei entwickeln – dir und deinem Kind ist es vielleicht lieber, auf österreichische Schriftsteller/innen zu setzen. Sie vermitteln durch lokales Sprachkolorit Nähe und erzählen natürlich und unmittelbar.
 

Tipp zum Selbermachen

MINIBOOKS

Legt ein BuchTageBuch an!

Jedes eigenständig gelesene Buch (da gelten auch die Bilderbücher von früher, die nur ganz wenig Text haben!) wird mit Titel, Seitenanzahl und Datum in ein extra dafür angeschafftes Büchlein feierlich eingetragen. Eventuell schreibst du noch einen Kurzkommentar dazu, damit ihr euch später besser erinnern könnt. Die Zeremonie wird komplett durch deine Unterschrift, vielleicht findet ihr auch einen passenden Stempel oder Aufkleber. Du sorgst als LesemeisterIn für die Richtigkeit und Komplettierung der beständig wachsenden Titelsammlung.

Nach einem, zwei, drei ausgelesenen Buch/Büchern gibt’s zur Belohnung vielleicht einen Kinobesuch? Oder du verleihst mit einem selbstgebastelten Orden bei einem festlichen Abendessen den Titel Lese-Lehrling, -Geselle usw.? Euch fällt sicher etwas Lustiges ein …

Viel Spaß beim Büchersammeln im Kopf und im BuchTageBuch!

 

  • Gemeinsam lesen

Durch eure Lektüreerlebnisse und dein von Anfang an geduldiges Vorlesen spannender Abenteuer ist dein Kind an ein hohes Niveau gewöhnt. Die Fortführung dieses Rituals hilft deinem Kind über die Frustration hinweg, dass seine ersten selbst gelesenen Geschichten nicht ganz so aufregend sein können. Viele Klassiker beispielsweise von Astrid Lindgren, Michael Ende und Renate Welsh passen sehr gut in diese Zeit. Auch dein Lieblingsbuch aus deiner eigenen Volksschulzeit kann für gemeinsame Vorlesestunden bereichernd sein.

Bücher nach dem Motto der Erstlesereihe „Erst ich ein Stück, dann du“ liefern Textpassagen in zwei unterschiedlichen Schriftgrößen.

Doch komplexere Geschichten sind für euch beide interessanter und liefern Gesprächsstoff über Themen, die vielleicht in eurem Alltag nicht vorkommen. Das abwechselnde Lesen wird sich mit jedem weiteren kleiner gedruckten Buch zu einer liebgewonnene Gewohnheit entwickeln: Ein Kapitel vorlesen, darauf liest dein Kind selbstständig eins, danach erzählt es dir den weiteren Verlauf – dann bist du wieder dran: Das ist eine bewährte Technik, spielerisch entlang einer mitreißenden Handlung ins Land der fließenden und sinnerfassenden Lesekompetenz zu gelangen…

 

  • Wahlfreiheit und Alternativangebot

Mit 7/8 Jahren erwirbt dein Kind Leseroutine. Die Bücher dafür sollen vor allem spannend und lustig sein. Nach einem mit Begeisterung verschlungenen Buch wünschst du dir für dein Kind mehr vom Gleichen. Nach diesem Prinzip funktionieren Kinderbuchreihen à la „Magisches Baumhaus“, „Drei ???“, „Drei !!!“ und „Sternenschweif“. Als Nachfolger der immer noch laufenden „Fünf Freunde“- und „Hanni und Nanni“-Serien bedienen sie die Nachfrage nach leichtem Lesefutter. Gestrickt mit immer gleichem Muster eignen sie sich zum Erwerb von Leseroutine ganz gut, doch auf lange Sicht verdunsten sie rückstandsfrei im Hirn und werden gewieften Kindern meist schnell langweilig. Manche Reihen bieten als Zusatz Sachinformationen aus Physik/Naturwissenschaften oder Geschichte, sie sind eine Art Zwischenform zu Sachbüchern. Gut, dass die meisten Bibliotheken diese Serien meterweise (dickes Papier, großzügiger Seitenspiegel) zur Verfügung stellen!

So hast du deine Regale zuhause nicht verstopft mit „Literatur“, die an der Oberfläche bleibt mit simplen Lösungen und klaren Einteilungen in Gut und Böse. 

Bub mit Comic

Comics, Bild: Veronika Mayer-Miedl

Regelmäßig gemeinsam in der nächstgelegenen Bibliothek vorbeizuschauen sorgt spätestens ab diesem Alter für Bereicherung und Abwechslung auf dem Speisezettel deines kleinen Bücherfressers. Selbst Text-Produzent Thomas Brezina schwört auf das Prinzip der Wahlfreiheit als Mittel zur Leseförderung. Dein Kind soll sich seinen Lesestoff suchen können, ohne dass du deine Bewertung dazu abgibst. BibliothekarInnen sind mit dem aktuellen Angebot auf dem Büchermarkt vertraut und beraten euch kompetent und einfühlsam. Oberstes Ziel ist es, Motivation zu wecken und zu vermitteln, das Lesen etwas sehr Feines ist. Ein erhobener Zeigefinger könnte da sehr schnell alles kaputtmachen. Selbst eine Phase ausschließlichen Comics-Genusses hat noch keinem Kind geschadet und sei deinem Sprössling von Herzen vergönnt!

Als Alternative dazu könnt ihr auf etliche Kinderbuch-Klassikerreihen zurückgreifen oder du holst dir Informationen im Web (Siehe Linkliste) oder aus der Ratgeberliteratur. Beispielsweise bei Susanne Gaschke: „Hexen, Hobbits und Piraten. Die besten Bücher für Kinder.“



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