Mit der Schule fürs Leben lernen

Portrait Brigitte Schroeder

Foto: Privat

Brigitte Schröder vom Bundeszentrum ÖZEPS spricht über die Bildung überfachlicher Kompetenzen in der Schule.

An Österreichs Schulen findet zurzeit ein Paradigmenwechsel statt. Mithilfe von kompetenzorientiertem Unterricht soll eine neue Form des Lernens aufgebaut werden. Weg von der reinen Wissensvermittlung, hin zur Vermittlung von Fertigkeiten und Fähigkeiten, die im Leben und Beruf praktisch angewendet werden können.

Was verbirgt sich aber hinter dem Begriff Kompetenzorientierung? Wo und wie wird die Bildung dieser Kompetenzen in der Schule gefördert?

Wir haben bei Mag. Brigitte Schröder nachgefragt. Sie leitet das Österreichische Zentrum für Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen (ÖZEPS) im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Frauen.

 

 

Frau Schröder: Welchen Auftrag hat ÖZEPS?

Schröder: Der Auftrag lautet, österreichweit in allen Bildungseinrichtungen zu einem größeren Bewusstsein für die Förderung von personenbezogenen überfachlichen Kompetenzen beizutragen.

Grünschnabel: Was sind personenbezogene überfachliche Kompetenzen?

Schröder: Sie betreffen Bildungsziele, die über die Kernkompetenzen, die in einzelnen Unterrichtsfächern vermittelt werden sollen, hinausgehen. Im Wesentlichen geht es dabei um die Bildung von Selbst- und Sozialkompetenzen.

Grünschnabel: Was genau ist Selbstkompetenz?

Schröder: Wenn Lernende als Individuen so gefördert werden, dass sie die Schule als eigenständige, sich selbst bewusste, verantwortungsvolle Persönlichkeiten verlassen, wenn sie ihr Denken und Handeln reflektieren und ihre Stärken, Potentiale und Schwächen realistisch einschätzen. Schule hat dann nicht nur viel zu ihrer Persönlichkeitsbildung und Selbstkompetenz beigetragen. Sie hat auch einen Bildungsauftrag erfüllt.

Grünschnabel: Welche Kenntnisse und Fertigkeiten braucht es damit man selbstkompetent werden kann?

Schröder: Dazu braucht es Selbstwahrnehmung, Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Flexibilität, Kreativität, Entscheidungsfähigkeit, Durchhaltevermögen, Leistungsbereitschaft, Reflexionsfähigkeit und die Fähigkeit zur Selbsteinschätzung.

Grünschnabel: Und was umfasst Sozialkompetenz?

Schröder: Sozialkompetenz ist eng mit sozialem Lernen verknüpft. Es umfasst das Lernen mit sich UND anderen angemessen und verantwortungsvoll umzugehen. Ziel ist auch, Misserfolge und innere Konflikte konstruktiv zu bewältigen und auf der Basis von gesellschaftlich akzeptablen Werten ein respektvolles und friedliches Zusammenleben zu gestalten.

Grünschnabel: Welche Kenntnisse und Fähigkeiten braucht es hier?

Schröder: Soziale Kompetenz umfasst unter anderem Einfühlungsvermögen, Kommunikations-, Problemlöse- und Teamfähigkeit sowie soziale Verantwortung.

Grünschnabel: Wozu sind diese überfachlichen Kompetenzen wichtig?

Schröder: Sie sind für die persönliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern, für erfolgreiches Lernen, für die Berufs- und Lebensbewältigung und ihre aktive Beteiligung am Gemeinwesen wichtig. Sie befähigen, im privaten, schulischen und beruflichen Leben erfolgreich handeln zu können. Man spricht daher auch von Lebenskompetenzen.

Grünschnabel: Was müssen Lehrende tun, damit Schülerinnen und Schüler diese Lebenskompetenzen ausbilden können?

Schröder: Sie müssen ermutigen und unterstützen, soziale Prozesse im Unterricht steuern und Feedback geben. Das heißt, den Lernenden Gelegenheiten geben, sich selbst einzuschätzen und diese Selbsteinschätzung mit der ihrer Mitschülerinnen und -schüler und Lehrpersonen zu vergleichen. Unterricht wird so gestaltet, dass sie aktiv aufeinander zugehen, kooperativ Aufgaben übernehmen, konstruktiv in einem Team mitarbeiten, kommunikationsfähig bleiben und allfällig auftretende Konflikte partnerschaftlich lösen.

Kompetenzorientierte Lehrende sorgen dafür, dass Schülerinnen und Schüler in der Unterrichtsgestaltung, in Projekten und Exkursionen, aber auch bei schulischen Freizeitangeboten voneinander lernen können und dabei entsprechend begleitet werden.

Ganz wichtig ist die Gestaltung achtsamer und respektvoller Beziehungen zu allen Schulpartnern: zu den Lernenden und zu den Kolleginnen und Kollegen – und zu den Eltern und Erziehungsberechtigten. Auch wenn es nicht immer gelingt – Lehrende sind immer Vorbilder.

Grünschnabel: Das klingt sehr lebenspraktisch aber auch vielschichtig und anstrengend. Lehrerinnen und Lehrer, die kompetenzorientiert unterrichten, müssen demnach nicht nur Wissensexperten in ihrem Fachgebiet sein, sondern auch ein wenig Persönlichkeitstrainer, Konfliktmanager und Mediatoren. Ist das nicht etwas zu viel verlangt?

Schröder: Niemand verlangt, dass einzelne Lehrerinnen und Lehrer angesichts vieler Veränderungen und Herausforderungen in Schulen zu allem sofort eine perfekte Lösung haben. Gemeinsam, als Team, im Rahmen von Schulentwicklungsprozessen können sie jedoch vieles erreichen. Auch Lehrerinnen und Lehrer lernen auf unterschiedliche Weise und nutzen die Angebote Pädagogischer Hochschulen für ihre weitere Professionalisierung.

Grünschnabel: Seit wann ist dieses neue Lernverständnis in Österreich ein Thema?

Schröder: Das war schon in den neunziger Jahren von Seiten des Ministeriums so intendiert mit Qualitätsprogrammen wie QIS oder QIBB. Die Entwicklung von einem lehrerzentrierten Unterricht zu einem Unterricht, in dem das individuelle Lernen im Mittelpunkt steht, dauert und kann nicht einfach verordnet werden. Eine Maßnahme wie die demnächst startende neue Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen wird zur Unterrichtsentwicklung beitragen.

 

Grünschnabel: Ist das kompetenzorientierte Unterrichten schon in allen Schularten angekommen?

Schröder: Ein Grundbewusstsein für Fachkompetenz ist gegeben. An überfachlichen Kompetenzen muss noch gearbeitet werden.

 

Grünschnabel: In vielen Schulen gibt es sogar schon eigene Unterrichtsfächer dafür: Soziales Lernen oder Persönlichkeitsbildung zum Beispiel.

Schröder: Das ist grundsätzlich eine begrüßenswerte Entwicklung. Es reicht jedoch nicht, dass es ein Fach dafür gibt. Überfachliche Kompetenzen sollten Thema in allen Fächern sein und über ein möglicherweise dazu eingerichtetes Fach hinaus Aufmerksamkeit bekommen. Es ist notwendig, dass alle Lehrende aller Fächer sich bemühen, Unterricht so zu gestalten, dass er sowohl auf fachliche als auch auf überfachliche Kompetenzen ausgerichtet ist.

 

Grünschnabel: Gibt es denn schon an AHS und NMS so ein freiwilliges oder verpflichtendes Fach?

Schröder: Ein verpflichtendes Fach gibt es derzeit nur an allen BMHS. An NMS und AHS ist es eine schulautonome Entscheidung, ob und in welchem Umfang so ein Fach zusätzlich angeboten wird. Etwa fünfzig Prozent der NMS haben aber eine verbindliche Übung, die meist „Soziales Lernen“ genannt wird.

 

Grünschnabel: Wie unterstützt ÖZEPS die Lehrenden beim kompetenzorientierten Unterrichten?

Schröder: ÖZEPS stellt Materialien für Pädagoginnen und Pädagogen und Studierende auf www.oezeps.at zur Verfügung. Es werden Veranstaltungen und Lehrgänge organisiert, es gibt Anregungen und Beteiligungen an Studien und entsprechende Öffentlichkeitsarbeit.

 

Grünschnabel: Wo sind die kompetenzorientierten bzw. überfachlichen Bildungsziele eigentlich festgeschrieben?

Schröder: Sie sind in Österreich ein explizites Ziel der österreichischen Schule und im Paragraf 2 des Schulorganisationsgesetzes gesetzlich verankert. Außerdem verweisen alle Lehrpläne in den didaktischen Prinzipien auf Persönlichkeitsbildung und soziales Lernen.

 

Sabine Blöchl



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