Kommentar – Warum Schule andere Konzepte braucht

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Immer mehr Regelschulen greifen Elemente sogenannter Alternativschulen auf und lassen sie in ihre pädagogischen Konzepte einfließen.

 

  • die Anerkennung individueller Leistungsunterschiede sowie daraus resultierende Lern-Individualisierungen durch Lernmaterialien für alle Lernniveaus
  • selbsttätige, lebensnahe und schülerzentrierte Lernmethoden (Freiarbeit, Projektarbeit, Vorträge und Kreisgespräche)
  • flexible Gruppenbildungen
  • regelmäßige Reflexionen zwischen Pädagogen, Schülern und Peergroups (Freundschaftsgruppen)
  • Anleitungen zur Konfliktverarbeitung
  • (ergänzende) verbale Notenzeugnisse und vieles mehr gehen auf das Konto von Reformpädagogen wie Johann Amos Comenius, Célestin Freinet (Freinet-Pädagogik), Helen Parkhurst (Daltonplan), Peter Petersen (Jenaplan), Rebecca und Maurice Wild (Lernwerkstätten) und andere – siehe auch unseren Artikel: Welche Pädagogik für mein Kind?

Diese fast 400-jährige Didaktik der Inneren Differenzierung arbeitet mit den Potentialen aller Schülerinnen und Schüler, nimmt sie wahr und fördert sie.

 

  • Einteilungen in so genannte Jahrgangsklassen, in der nur SchülerInnen aus demselben Jahrgang unterrichtet werden und miteinander arbeiten dürfen
  • banale, weil undifferenzierte und defizitorientiere Notengebung
  • standardisierte Lernniveaus und -methoden
  • soziale Kränkungen, die durch Zurückstellung, Wiederausschulung nach der Einschulung, Sitzenbleiben und Sonderschulüberweisungen entstehen, erzeugen Ungleichheit und selektieren stark ohne dabei wertschätzend und produktiv zu bleiben.

Diese gesellschaftliche Ausgrenzung hemmt Motivation, Leistungsvermögen und individuelle Entfaltung vieler Schülerinnen und Schüler. Genauso wie die Entstehung kreativer Prozesse.

Sie bildet einen Nährboden für Überheblichkeit und Eitelkeit, weil sie die Kinder auf fachliche Leistungen reduziert und dabei wichtige persönliche, unternehmerische oder soziale Leistungen übersieht, die für das Leben einer wohlhabenden UND glücklichen Gesellschaft wichtig sind.

Diese Art von Ausgrenzung (in der Pädagogik Exklusion genannt) hat meist auch massive Auswirkungen auf das spätere Leben dieser Kinder. Viele üben Berufe aus, für die sie weniger geeignet sind und in denen sie nicht richtig Fuß fassen können. Sie sind häufiger perspektivenlos, arbeitslos, verschuldet und leiden mehr an Depressionen.

Exklusion widerspricht aber auch den Anschauungen und Zielen demokratischer Gesellschaften, die es nach vielen Jahrhunderten der Unterdrückung und Ungleichheit geschafft haben, Gleichheit für alle gesetzlich zu verankern.

 

Bundesverfassungsgesetz Artikel 7. (1)

Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. Vorrechte der Geburt, des Geschlechtes, des Standes, der Klasse und des Bekenntnisses sind ausgeschlossen. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. 

 

Artikel 7. (2)

Bund, Länder und Gemeinden bekennen sich zur tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau. Maßnahmen zur Förderung der faktischen Gleichstellung von Frauen und Männern insbesondere durch Beseitigung tatsächlich bestehender Ungleichheiten sind zulässig.

 

 

Der Auftrag, Schülerinnen und Schüler unabhängig von Alter, Leistungsvermögen, Nationalität, Migrationsstatus, Sprache, Behinderung oder Geschlecht gleichzustellen und individuell zu fördern, ist für Österreichs Schulen nicht nur im Schulunterrichtsgesetz (SCHUG) sondern auch im Bundesverfassungsgesetz (B-VG) vorgeschrieben.

 

Bundesverfassungsgesetz Artikel 14. (5a)

Demokratie, Humanität, Solidarität, Friede und Gerechtigkeit sowie Offenheit und Toleranz (…) sind Grundwerte der Schule, auf deren Grundlage sie der gesamten Bevölkerung, unabhängig von Herkunft, sozialer Lage und finanziellem Hintergrund (…) ein höchstmögliches Bildungsniveau sichert.

 

Im partnerschaftlichen Zusammenwirken von SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen ist Kindern und Jugendlichen die bestmögliche geistige, seelische und körperliche Entwicklung zu ermöglichen, damit sie zu gesunden, selbstbewussten, glücklichen, leistungsorientierten, pflichttreuen, musischen und kreativen Menschen werden, die befähigt sind (…) Verantwortung für sich selbst, Mitmenschen, Umwelt und nachfolgende Generationen zu übernehmen.

 

 

Dabei muss die Leistungsfähigkeit nicht auf der Strecke bleiben, auch wenn das häufig als Argument gegen reformpädagogische Veränderungen für Regelschulen verwendet wird. Zahlreiche Testungen rund um den Globus, so wie die PISA-Sonderauswertungen für Waldorf Schulen zeigen, das es meist keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen reformpädagogischen Schulen und Regelschulen gibt. In den Naturwissenschaften liegen sie sogar deutlich über dem Schnitt. Außerdem behalten sie das Gelernte länger.

Ein Grund mehr genauer hinzusehen, wie Schule die bestehenden menschlichen Ressourcen produktiver nutzen kann, damit unsere Kinder und Kindeskinder wohlhabend, glücklich und gesund leben können und weitere kriegerische Auseinandersetzungen vermieden werden.

 

Liste aller öffentlicher und privater Schulen Österreichs

 

Quelle: Hannelore Faulstich-Wieland (Hrsg.), Umgang mit Heterogentität und Differenz

 

 

Sabine Blöchl – Studentin Informations- und Kommunikationspädagogik an der PH OÖ



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