Ich leiste, also bin ich

In der Schule wie in der Freizeit: Unsere Gesellschaft ist mittlerweile darauf getrimmt, stets Höchstleistungen anzupeilen. (Foto: erysipel /pixelio.de)

In der Schule wie in der Freizeit: Unsere Gesellschaft ist mittlerweile darauf getrimmt, stets Höchstleistungen anzupeilen. (Foto: erysipel /pixelio.de)

Der Gedanke, dass nur jene etwas wert sind, die etwas leisten, zieht sich tief durch unsere Gesellschaft. Eine Ideologie, die unsere Kinder inhalieren, ab dem Moment, wenn sie zum ersten Mal systematisch bewertet werden – nämlich in der Schule, dem Ort, wo die heutige Leistungsgesellschaft auch ihren Anfang fand. Unser Lebensweg ist gepflastert mit Leistungsabfragen. Nicht nur in der Schule, auch im Privaten – vor allem in den letzten 20 Jahren entstand die Einstellung, dass man auch in der Freizeit immer mehr Höchstleistungen erbringen soll. Um unser Kind zu fördern und zu fordern und damit sein Lebensweg nicht zu steinig wird, versorgen wir sie mit genügend Pflastersteinen: Musikstunden und Sport am Nachmittag, Pfadfinder oder Jungschar. Und selber nehmen wir noch den Pflasterstein mit der Marathonteilnahme mit ins Gepäck. Denn der Gedanke, dass unser Kind aus Versehen auf einem Stück ungepflasterten Weges landen könnte, ist uns oft zu riskant. Den Begriff der Leistung gibt es schon seit dem Mittelalter. Gemeint war damit jedoch zu dieser Zeit eine freiwillige persönliche Verpflichtung, ähnlich eines Vertrags. Teil des politischen Diskurses ist die Leistung erst kürzlich. Sabine Reh von der Humboldt Universität Berlin sieht in der Schule einen wichtigen Faktor dafür, dass sich der Leistungsgedanke so stark ausbreiten konnte. „Hier wurde individuell erbrachte Leistung erstmals systematisch bewertet”, sagt sie. Mit der Schule genauso wie mit der Globalisierung wurde es notwendig, eine große Zahl an Menschen vergleichbar zu machen. In kleiner Gemeinschaft, wo man sich gegenseitig kennt, braucht es dies nicht. Man weiß um die Stärken und Schwächen der anderen. Im Bergdorf braucht es kein Empfehlungsschreiben. Anders in größeren Systemen: Wer auf's Gymnasium kommt, einen begehrten Platz im überfüllten Studienzweig ‚verdient‘ oder wer der beste Kandidat für einen Job ist, lässt sich nicht mehr durch ein Gespräch mit der Nachbarin bestimmen. Noten hingegen sagen klar, ob ein Mensch “gut” oder “nicht genügend” ist. Abschreiben oder Einsagen wird dann nicht als kooperativen Verhaltens gewertet, mit dem man einen Mitmenschen unterstützt, sondern bestraft. Mit der Signalwirkung, dass wir Gleichgesinnten nicht helfen dürfen, sondern in Konkurrenz mit ihnen stehen. Leistung als Mogelpackung Doch der Leistungsbegriff ist eigentlich eine Mogelpackung: Er täuscht vor, objektiv und fair zu sein. Ein eklatanter Denkfehler, der sich mittlerweile durch die Gesellschaft zieht. Denn „individuelle Leistung” per se gibt es eigentlich nicht. Jeder Mensch hat sich durch die Kooperation und Unterstützung von anderen Menschen entwickelt. Auch können die Maßstäbe für „Leistung” ganz unterschiedlich angesetzt werden: Erbringt jemand eine gute Leistung, wenn er selbständig arbeitet und neue Ideen entwickelt? Oder wenn er genau das tut, was ihm angeschafft wurde? So ist Leistung nicht nur einfach eine Mogelpackung, sondern hat auch noch fatale Nebenwirkungen: Gegenseitige Hilfe anzubieten und unterstützende Netzwerke zu knüpfen geraten aufs Nebengleis. Dabei dürfen wir ruhig etwas neugieriger sein: Was können wir finden, wenn wir einen Teil unseres Lebensweges ungepflastert lassen und nicht dem nächsten Ziel hinterher jagen? Vielleicht wird der Weg auch leichter, wenn wir ein paar Pflastersteine weniger im Gepäck haben – oder uns auch einfach mit anderen Menschen beim Tragen des Rucksacks abwechseln. Tipp: "Die Leistungsgesellschaft - ein Phänomen der Moderne" von radiowissen Bayern  

Manuela Hoflehner



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